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Im Kino

Allein gegen die Milchmafia

Eine Milchfarm ist kein Ponyhof: Arndís Hrönn Egilsdóttir spielt die abgehärtete Bäuerin Inga.
Eine Milchfarm ist kein Ponyhof: Arndís Hrönn Egilsdóttir spielt die abgehärtete Bäuerin Inga.(c) Alamode Film
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Im isländischen Film „Milchkrieg in Dalsmynni“ zieht eine entschlossene Bäuerin gegen eine allmächtige Genossenschaft zu Felde. Auch mit dem Güllewagen.

Das haben die Männer von der Genossenschaft nicht kommen sehen. Sie sitzen in ihrem holzvertäfelten Besprechungszimmer, in der Mitte eine Thermoskanne Kaffee, da brummt es plötzlich vor dem Fenster. Vor dem Genossenschaftshaus fährt die Milchbäuerin Inga mit dem Güllewagen vor. Sie schaut starr geradeaus, zieht einen Hebel – und spritzt das Gebäude von oben bis unten voll. Nicht mit Düngemittel, sondern mit hektoliterweise frischer Milch. Warum? Sie musste sie loswerden, wird sie später einem Reporterteam sagen. Trotzig sieht sie dabei aus: Da habt ihr eure Milch, liebe Genossenschaft!

Wie die Bäuerin im isländischen Film „Milchkrieg in Dalsmynni“ gegen ihre Feinde zu Felde zieht, erinnert ein wenig an Francis McDormand im US-Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“: Hier wie dort wird vom Kampf einer Frau erzählt, die sich mit nicht ganz lauteren Mitteln gegen ein Unrecht wehrt, das sie schon zu lang mitangesehen hat. Doch während in der Geschichte um die verbitterte Mildred (McDormand), die auf Werbetafeln Polizeimissstände anklagt, für alle Figuren Verständnis gezeigt wird, ist die Rollenverteilung in „Milchkrieg in Dalsmynni“ stets klar: Da ein böser Verein, der seine Mitglieder mit mafiösen Methoden unter Druck setzt, hier Inga, die beschließt, nicht mehr mitzumachen.

Sie hat auch nichts mehr zu verlieren: Mit ihrem Mann, Reynir, betreibt sie eine verschuldete Milchfarm, seit Jahren verzichten die beiden auf Urlaub, fallen müde ins Bett und arbeiten auch dort noch: „Hast du den Besamer angerufen?“, lautet Reynirs abendliche Begrüßung an seine Frau. Eine Genossenschaft, der praktisch jeder Betrieb in der Gegend angehört, gibt die Regeln vor: Die Bauern müssen vom Dünger bis zum Wocheneinkauf alles von ihr beziehen – zu überhöhten Preisen – und ihre Produkte an sie abführen. Wer mit anderen handelt, wird in den Ruin getrieben. Ein perfider Genossenschaftsboss und sein Handlanger (der einzige Anzugträger in einem Ensemble aus Island-Pullis) herrschen mithilfe eines Spitzelwesens über die Institution, die einst demokratisch gegründet worden war. Ihr Totschlagargument gegen jede rebellische Regung: „Wir wehren uns als Gemeinschaft gegen die großen Handelsketten in Reykjavik.“ Ein typisches Denkmuster in der isländischen Gesellschaft, sagt Regisseur Grímur Hákonarson: „Wir sind klein, deshalb neigen wir zu einem monopolistischen Denken.“

 

Das triste Landleben

Als ihr Mann plötzlich stirbt, begehrt Inga auf, erst mit wütenden Facebook-Einträgen, schließlich als Anführerin einer Milchbauerninitiative. Arndís Hrönn Egílsdottír gibt eine Frau, die fast ohne Worte Entschlossenheit ausstrahlt. Wenn sie im gefütterten Arbeitsoverall über ihre Felder stapft, einer gebärenden Kuh mit schweren Stahlketten zu Hilfe kommt, wenn sie zwischendurch beim Stallfenster hinaus raucht, dann macht jede Bewegung deutlich, dass diese Frau Härte gewohnt ist.

Und dass sie wohl recht einsam ist. Hákonarson, der in seinem vorigen, in Cannes prämierten Film „Sture Böcke“ von zerstrittenen Schafbauern erzählte, zeichnet das landwirtschaftliche Leben als tristes, kaltes. Lange statische Bilder zeigen schneebefleckte Landstriche, karge Felder, die suchenden Greifarme einer Melkanlage. Als Inga die Milchdusche aufdreht, ist das eine regelrechte Erlösung – auch für den Zuschauer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2020)