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Tanz

„Onegin“: Wie schwer es ist, arrogant zu sein

Anhand von John Crankos Tschaikowsky-Ballett demonstriert das Staatsballett am Ring seine Kunst.

John Crankos „Onegin“-Ballett ist ein dankbares Vehikel zur Demonstration tänzerischer Ausdruckskünste. Beim Publikum waren Handlungsballette ohnehin schon in Zeiten geringeren Interesses für die Geschicke des Staats(opern)balletts beliebt. Angesichts der dank Manuel Legris erreichten Hochblüte garantieren sie quasi von vornherein das „Ausverkauft“-Schild an der Abendkasse.

Die aktuelle Serie (beginnend mit der bereits 47. Aufführung der Produktion!) brachte nebst bekannten Größen das Rollendebüt von Robert Gabdullin in der Titelpartie, die Cranko ganz im Sinne Puschkins vor die heikle Aufgabe stellt, einen arroganten Kerl letztlich doch als menschlichen Zeitgenossen vorzustellen.

Am schwierigsten scheinen dabei die Solopassagen im ersten Pas de deux mit Tatjana, für die es der allerhöchsten Souveränität des Tänzers bedürfte, die vollkommen egomanische Distanziertheit dieses Charakters in gestochen klare, selbstvergessen sichere Bewegung umzusetzen. Da fühlt der Zuschauer dann doch, dass Gabdullin noch sehr mit den Details seiner Aufgabe beschäftigt ist.

Glaubhafter gelingt ihm sein Auftritt in der „Spiegelszene“ des zweiten Bilds, in der er als Traumgebilde des Mädchens erscheint und sich so empathisch geben darf, wie sie das ersehnt: Nina Polákova wird da zu Wachs in seinen Händen, jede Faser ihres Körpers von den Finger- zu den Zehenspitzen, jede Biegung verrät vollkommene Hingabe, die Sprünge und Drehfiguren landen im siebenten Himmel von Onegins Umarmungen.

 

Bauerntanz und Grazie

Exzellent auch die Konfrontationen mit dem zunächst wunderbar spielerischen, dann von seinen Emotionen zerrissenen Lenski Denys Cherevychkos – und die entscheidende Auseinandersetzung um die tatsächlich bezaubernde Olga: Natascha Mair brilliert als Backfisch, der sich seiner magnetisch erotisierenden Kräfte noch gar nicht recht bewusst zu sein scheint. Das böse Erwachen an der Seite ihrer bestürzten Schwester angesichts des tödlichen Duells im Finale des zweiten Akts gerät so zum rechten Melodram – getragen von den entsprechend melancholisch intonierten Tschaikowsky-Lyrismen des Staatsopernorchesters unter Ermanno Florio.

Neu im „Onegin“-Ensemble auch die liebevoll besorgte und gottlob nicht allzu karikierende Amme von Beata Wiedner. Und einige Corps-Mitglieder, die noch rechtschaffen derb in den bäuerlichen Tänzen des ersten Akts agieren, aber spätestens auf den Ballveranstaltungen ihre gewohnte Grazie wiederfinden. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2020)