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Mein Samstag

„Traumschiff“ mit Sternsinger

Jetzt kennen wir einander schon so lang, und ich habe Ihnen noch nie von meinem „guilty pleasure“ erzählt: Es handelt sich hierbei um die seit vielen Jahren gepflegte Tradition, in den Weihnachtsferien die zwei neuen Folgen „Traumschiff“ zu schauen.

Das ist nämlich an den Sendeterminen (26.12. und 1.1.) das Beste, was einem am Hauptabend so passieren kann, wenn man mit dieser speziellen Trägheit, die einen nur nach den sehr sättigenden Weihnachtsfeierlichkeiten ereilt, daheim sitzt. Sagen wir so: Das ist dann eher nicht der Moment, in dem man wieder einmal zu James Joyces „Ulysses“ greift oder sich in den „Mann ohne Eigenschaften“ vertieft. Ja, intellektuell geht – wie auch am 1. Jänner nach dem Silvesterfeiern – nicht viel mehr als diese Luxusfahrt von der Couch aus. Auch das Kind, das seit einigen Jahren mitschaut, schätzt diese Tradition, anfangs natürlich primär deshalb, weil es ausnahmsweise so lang aufbleiben durfte. Aber nach vier, fünf Jahren à zwei „Traumschiff“-Folgen kann es mittlerweile in den ersten Minuten, wenn die Passagiere an Bord gehen, die Handlungsstränge, Verwicklungen und Lösungen der Probleme verkünden. Und weil alles so verlässlich vorhersehbar ist, macht es auch nichts, wenn man sich zwischendurch in der Küche ein Glas Weihnachts-Rest-Sekt nachschenkt oder ein paar Minuten einnickt.

Das Kind war heuer übrigens als Sternsingerin unterwegs und hat dabei – jetzt werden Sie gleich erkennen, welch eleganter Übergang das ist – auch bei Barbara Wussow, der „Traumschiff“-Hoteldirektorin, geläutet. Also vielleicht. Jedenfalls war da eine Dame, sagt das Kind, die ihr ähnlich sah. Und auch etwas gespendet hat. Was nicht alle taten. Ein Mann überreichte den Kindern statt Geld einen ganzen Kuchen („I have a cake for you“), was vielleicht nicht Sinn der Sache, aber doch sehr nett ist. Andere wiesen die Sternsinger unhöflich ab. Ob es ein guter Start ins neue Jahr ist, Kindern, die für Bedürftige sammeln, die Tür zuzuknallen, muss jeder, der das getan hat, für sich selbst beantworten. Allen anderen jedenfalls, ein bisschen verspätet: ein gutes neues Jahr! Das nächste „Traumschiff“ kommt bestimmt.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)