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Wissenschaft

Größte Struktur der Milchstraße beobachtet

Erdensonne befindet sich in Nähe von riesiger Gaswelle.

Bereits vor über 150 Jahren beobachteten die Astronomen Benjamin Apthorp Gould und Friedrich Wilhelm Herschel einen Ring aus hellen Sternen am Nachthimmel, den nach Ersterem benannten Gouldschen Gürtel. Dessen Ursprung war für Astronomen seither ein Rätsel – bis Forscher der Universität Wien die Daten der 2013 gestarteten ESA-Raumsonde Gaja erneut analysierten.

Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei dem Ring in Wahrheit um eine riesige Welle aus Gas handelt, über 9000 Lichtjahre lang und 400 Lichtjahre breit. Es handelt sich dabei um die größte zusammenhängende Gasstruktur, die bisher in der Milchstraße beobachtet wurde, so João Alves, Astrophysiker an der Uni Wien. „Die Sonne ist nur 500 Lichtjahre von der Welle am nächst gelegenen Punkt entfernt.“ Seine Ergebnisse veröffentlichte Alves mit seinem Team in der Fachzeitschrift Nature (7. 1.).

 

Kinderstube für Sterne

Die einer Sinuskurve gleichende Gaswelle umfasst den Wissenschaftlern zufolge eine Reihe von „Stern-Kinderstuben“, also jenen Regionen einer Galaxie, in denen sich Gas zu neuen Sonnen verdichtet. Über den Ursprung der geschwungenen Form lässt sich dagegen nur spekulieren. Alves: „Sie könnte wie eine Welle in einem Teich sein, so als wäre etwas außerordentlich Massereiches in unserer Galaxie gelandet.“

Eine Theorie des Astrophysikers: eine Ansammlung von Supernovae aus dem Orion-Nebel, an dem die Sonne vor Millionen von Jahren vorbeigezogen ist. In jedem Fall bedeuten die Erkenntnisse das Ende des Modells des Gould'schen Gürtels, betont Mitautor Stefan Meingast von der Uni Wien. „Dass diese Struktur nur ein Projektionseffekt war, ist eine kleine Sensation. Astronominnen und Astronomen müssen wieder zurück ans Reißbrett und die nähere Umgebung der Milchstraße neu überdenken.“ (däu)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)