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Gastkommentar

Das Recht auf Bevorrechtung

Selten geht ein Ruck durch das Leben einer Volksgruppe. Für Kärntens Slowenen ging es 2019 Schlag auf Schlag.

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Eine Minderheit hat nicht das Recht auf Gleichberechtigung. Eine Minderheit hat das Recht auf Bevorrechtung“, sagte Bundeskanzler Bruno Kreisky am 31. März 1981, als er im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien das Buch eines Kärntner slowenischen Schriftstellers vorstellte. Peter Handke hatte – zur Auffrischung seiner Slowenischkenntnisse – den Roman „Der Zögling Tjaž“ von Florjan Lipuš ins Deutsche übersetzt und damit einen Aufschwung der Kärntner slowenischen Literatur ausgelöst, wie sie ihn davor nicht erlebt hatte, und danach auch nicht mehr.

Im Leben einer Volksgruppe geht nur selten ein Ruck durch sie, obwohl er für das Weiterbestehen so wichtig ist. Wenigerheiten, anders will ich sie nicht nennen, sind immer eine gefährdete und vom Aussterben bedrohte Gattung, weshalb Bruno Kreisky uneingeschränkt beizupflichten ist.

In den fast vier Jahrzehnten seit der Verkündigung der Doktrin Kreiskys habe ich eine Bevorrechtung nie erlebt. Schon das bisschen Gerechtigkeit und Recht, das den Volksgruppen widerfuhr, ließ frohlocken, wozu mir ad hoc zwei Ereignisse, die man ruhig historische nennen kann, einfallen.

2011 hat Bundesminister Josef Ostermaier unter Assistenz von Landeshauptmann Gerhard Dörfler in Kärnten endlich zweisprachige Ortstafeln aufgestellt, und in der zweiten Jahreshälfte 2014 war Ana Blatnik Präsidentin des Bundesrats. Danach ging es erst im Herbst 2019 wieder Schlag auf Schlag.

 

Slowenisch in Stockholm

• Kärntner Sloweninnen und Slowenen dürfen Peter Handke aus Griffen/Grebinj dazuzählen. Die Begeisterung der Volksgruppe über den Nobelpreis für ihn kennt keine Grenzen. Mit Handke ist erstmals die slowenische Sprache in die Schwedische Akademie in Stockholm eingezogen, als er seine Rede zum Teil in der Sprache seiner Mutter hielt.
• Ein Kärntner Slowene, Josef Marketz, wurde vom Papst zum Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt ernannt. Er wird es mit Gewissheit für alle Menschen in seinem Regierungsgebiet sein.
• Eine Kärntner Slowenin, Angelika Mlinar, der Österreich die Doppelstaatsbürgerschaft bewilligte, wurde Ministerin in der Republik Slowenien.
• Martin Kušej ist der erste Kärntner slowenische Burgtheater-Direktor in Wien. Chapeau!

 

Verheißungsvolles Programm

Letztlich klingt auch das Regierungsprogramm 2020–2024 für die Volksgruppen recht verheißungsvoll. Unter anderem wird die zweisprachige Gerichtsbarkeit in Kärnten, die unter dem Schutz unserer Verfassung steht, garantiert. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Bundesminister für Justiz kürzlich nach langer Zeit wieder einen zweisprachigen Richteramtsanwärter für den Sprengel des Oberlandesgerichts Graz in den Dienst übernommen hat.

Ich bin der Letzte, der Schönfärberei betreiben will. Und ich bin der Allerletzte, der ewige Jammerei gutheißt. Positives ist anzuerkennen, Missstände sind zu kritisieren. Die Erfolge aus der Bestandsaufnahme 2019 sind in keinem Fall solche der Parteien oder der Politik.

Diese darf ich höflich – und unter Hinweis auf die Kreisky-Doktrin – dazu ermuntern, Sorge zu tragen, dass die Kärntner slowenische Wochenzeitung „Novice“ endlich ohne pekuniäre Sorgen erfolgreich weitermachen kann. Die Zeitung ist für die Seele und das Wohl der Volksgruppe von größter Bedeutung. Dann wird auch das Jahr 2020, wie das vergangene, zu den besonderen im Leben Österreichs und seiner Volksgruppen zählen.

Janko Ferk ist Jurist, Schriftsteller und lehrt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu Literaturwissenschaften. Zuletzt erschien sein wissenschaftlicher Essayband „Kafka, neu ausgelegt“ (Leykam Verlag, Graz).

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)