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Ein Brigadier auf militärischer Spurensuche

Vor allem die k. u. k. Armee hat in der Stadt Erstaunliches hinterlassen.

Wer mit offenen Augen durch Wien geht, findet allerorten Hinweise auf die militärische Vergangenheit bzw. Gegenwart dieser Garnisonsstadt. Und weil es so viele sind, hat der ungemein emsige Spurensucher Rolf Urrisk-Obertyński seinen vierten Band über die Forschungsergebnisse gleich in zwei Bücher teilen müssen. Teil 1 umfasst die Bezirke zwei bis sechs, der zweite Teilband erklärt uns Militärbezügliches in Neubau, Josefstadt, Alsergrund und Brigittenau. Tausend Pläne, Bilder, Karten erklären bis ins kleinste Detail, bis zum Wirtshausschild oder Straßennamen, Entstehung, Geschichte und Hintergründiges. Was es da alles zu entdecken gibt! Man staunt über die Akribie, die ein Brigadier im Ruhestand aufzubringen imstande ist, wenn es um sein Lieblingsterrain geht. Hausfassaden, Amtsgebäude, Wandreliefs, ein Luftschutz-Notausstieg in der Taborstraße, eine Gedenktafel in der Boerhaavegasse 23, die an einen legendären Militärmusiker erinnert, dann wieder die Gardekirche (Rennweg 5a) – es gibt nichts, was dem spähenden Auge des Militärs entgangen ist.

 

Das Arsenal – eine Stadt in der Stadt

Breiten Raum nimmt naturgemäß beim dritten Bezirk das Arsenal ein. Allein diese Dokumentation würde schon ein Buch füllen. Bisher unbekannte Fotos weisen den Autor als profunden Kenner dieser einst größten Waffenschmiede Wiens aus. Die Fläche des gesamten Areals beträgt unfassbare 720.000 Quadratmeter, davon sind 330.000 verbaut. Es sind die ungezählten Grafiken, die hier einen besonderen Reiz ausüben. Sie zeigen, dass es sich bei dem riesigen Gebäudekomplex um eine Stadt in der Stadt handelt, die heute nicht nur das Heeresgeschichtliche Museum birgt, sondern auch von zivilem Nutzen ist. Aus einigen dieser kulturhistorisch wertvollen Objekte hätte eine weiterblickende Staatsführung schon vor Jahrzehnten durchaus ein Nationalmuseum schaffen können, das heute Weltgeltung hätte.

Aber Urrisk-Obertyński hält sich mit Sentimentalitäten nicht auf. Er schildert, was ist und was war. So beschreibt er auch die Rennweg-Kaserne, einst Sitz des Infanterieregiments Hoch- u. Deutschmeister Nr. 4, des Wiener Hausregiments. Dessen Musikkapelle durfte aber ab 1920 nicht mehr die Traditionsuniformen tragen, also gründete Julius Herrmann eine eigene Kapelle. Die feierte Welterfolge, allein in den USA 2000 Konzerte. Nach 1945 wurde die weitläufige Anlage als Finanzschule, Gendarmeriekaserne, sogar als Bauhof verwendet. Bekannt wurde die Kaserne auch, nachdem es dort bei Vernehmungen in jüngerer Zeit gleich zweimal Gangstern gelungen war, zu entkommen. Schon 1813 war der legendäre Räuberhauptmann Grasel hier entflohen.

 

Wo Räuber Grasel einst entfloh

Heute befinden sich der Sitz des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) und weitere Dienststellen des Innenministeriums im Gebäude. Das Renommee hat sich dadurch aber nicht gerade verbessert. Zwischen den Wohnhaustrakten der Landstraßer Hauptstraße und der Schule am Rennweg befindet sich die ehemalige Reitschule der Kaserne.

Man muss sich Zeit nehmen für die überwältigende Anzahl an Illustrationen und Erklärungen. Wer das aber tut, geht mit reichem Gewinn durch seine Heimatstadt, ausgestattet mit völlig neuen Erkenntnissen.

Zum Buch:

„Wien
2000 Jahre Garnisonsstadt“
Band 4 (2 Teile)
II.–VI. Bezirk, VII., VIII., IX und XX. Bezirk. Weishaupt-Verlag, 640 Seiten, 58 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)