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Bildungspsychologie

Lernkarrieren analysieren

Die Bildungspsychologie untersucht individuelle Lernsituationen und -motivationen in jedem Lebensalter.
Die Bildungspsychologie untersucht individuelle Lernsituationen und -motivationen in jedem Lebensalter.(c) Getty Images (Ableimages)
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Als Teilbereich der pädagogischen Psychologie ist die Disziplin in Österreich unterrepräsentiert. Geht es nach den Experten, soll sich das ändern.

Während pädagogische Psychologie nahezu an jeder einschlägigen, heimischen Universität verankert ist, hat sich der Teilbereich der Bildungspsychologie erst in den vergangenen zehn Jahren begonnen zu etablieren. Das hängt auch mit der Kluft zwischen zwei Paradigmen zusammen: „In Österreich werden die Erziehungswissenschaften häufig aus geisteswissenschaftlicher Perspektive betrieben, während Bildungspsychologie ganz klar eine empirische, sozialwissenschaftliche Ausrichtung hat“, sagt Aljoscha Neubauer, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Psychologie. Diese Kluft zu überwinden, sei schwierig, vor allem in Österreich. „In Deutschland und der Schweiz ist das besser gelungen“, sagt die Expertin.

Eine heimische Hochburg dieser Domäne ist der Lehrstuhl für Bildungspsychologie an der Universität Wien, den seit dem Jahr 2000 Christiane Spiel innehat: „Bildungspsychologie beschäftigt sich mit Bildungsprozessen in der Bildungskarriere eines Individuums“, erklärt sie. Dabei analysiere Spiel auch die Bedingungen und Maßnahmen, die diese Bildungsprozesse beeinflussen können, etwa wie man Motivation in der Schule fördern könne oder Fragen der Wissensvermittlung durch Medien.

 

Lernen in jedem Lebensalter

Im Rahmen der angesagten Lifelong-Learning-Devise scheint Bildungspsychologie eine wesentliche Erkenntnisquelle zu sein. Das entsprechende Strukturmodell mache deutlich, „dass sich Bildungspsychologie mit Bildungsprozessen über die gesamte Lebensspanne hinweg beschäftigt – vom Säuglingsalter bis zum höheren Erwachsenenalter“, erklärt Spiel. Zum anderen spezifiziere es aber auch die Aufgabenbereiche von Bildungspsychologen, zu denen neben Forschung unter anderem Beratung oder Prävention gehören. „Und es zeigt auf, dass man verschiedene Ebenen betrachten muss, um Bildungsprozesse zu verstehen und zu fördern.“

Eine Ebene beschäftigt sich mit individuellen Lernbedingungen, eine weitere um Bildungsinstitutionen wie Schulen und Kindergärten sowie die Frage, wie diese Bildungsprozesse fördern können.

 

Auch Bildungspolitik im Blick

Und die Bildungspsychologie betrachtet auch die Makroebene, auf der politische Programme und gesetzliche Bestimmungen sowie deren Effekte auf Institutionen und Individuen behandelt werden.

Die junge Disziplin, zu der erst 2010 das erste Lehrbuch erschienen ist, wird gut aufgenommen, sagt Spiel, sowohl von Kollegen in der Wissenschaft als auch von Praktikern und Medienvertretern. „Es gibt mittlerweile einige Professuren in Deutschland dazu. Wir haben über Bildungspsychologie auch im angloamerikanischen Raum publiziert und dabei die Bezeichnung „Bildung-psychology“ verwendet, da es kein englisches Äquivalent zum deutschen Bildungsbegriff gibt“, berichtet die Expertin.

An der Universität Wien ist die Bildungspsychologie in den Curricula des Bachelor- und Masterstudiums der Psychologie verankert, wobei man im Masterstudium unter der Bezeichnung „Entwicklung und Bildung“ auch einen expliziten Schwerpunkt auf das Thema legen kann. Hohe Teilnehmerzahlen zeigten laut Spiel überdies, dass fakultätsübergreifende Vorlesungen zu diesem Thema für alle Studierenden interessant seien. Neben der Universität Wien bietet auch die deutsche Fernuniversität Hagen einen Master-Studiengang an, der sich zwar mit dem Überthema Psychologie befasst, aber eine Spezialisierung auf Bildungspsychologie ermöglicht.

 

Bessere Finanzierung gefordert

„Mein Wunsch wäre, dass es mehr finanzielle Unterstützung für Forschungsprojekte in diesem Feld gibt“, sagt Neubauer. Bildungsforschung werde laut der Expertin bei den Ausschreibungen des Forschungsförderungsfonds vernachlässigt, obwohl es hierzulande sehr engagierte Wissenschaftler gibt, die gute Arbeit leisten. „Auch hier hinkt Österreich hinterher. In Deutschland und der Schweiz ist der Forschungs-Output quantitativ um einiges höher, qualitativ haben die Arbeiten aus Österreich aber einen guten Impact“, sagt Neubauer.

Bildung sei die Zukunft eines Landes, und eines der wichtigsten Themen, wie Spiel ergänzt: „Menschen, die höher gebildet sind, sorgen sich im Mittel mehr um die Umwelt, engagieren sich mehr für Demokratie, leben gesünder und länger, verdienen mehr.“ Das bedeute, dass ein Investment in Bildung gleichzeitig ein Investment in viele andere Bereiche sei: „Bildungspolitik ist gleichzeitig auch Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, Umweltpolitik, Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik und vieles mehr.“

Web:https://bildung-psy.univie.ac.at/

www.fernuni-hagen.de

https://oegp.uni-graz.at

INFORMATION

Bildungspsychologie beschäftigt sich mit Bildungsprozessen eines Individuums, und zwar in allen Lebensphasen. Dabei werden auch externe Faktoren wie Motivation und Rahmenbedingungen untersucht. Das bezieht sich sowohl auf die individuelle Lernsituation als auch auf Bildungsinstitutionen sowie auf den Einfluss von politischen Programmen oder gesetzlichen Rahmenbedingungen. Methodisch wird weniger ein geisteswissenschaftlicher, sondern ein empirisch-sozialwissenschaftlicher Ansatz verfolgt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)