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Brexit

Interesse bleibt, Förderungen fehlen

Der Brexit lässt auch im akademischen Austausch vieles unklar, vor allem bezüglich der Finanzierung.
Der Brexit lässt auch im akademischen Austausch vieles unklar, vor allem bezüglich der Finanzierung.(c) Pixabay

Ende des Monats will sich das Vereinigte Königreich aus der EU zurückziehen. Was bedeutet das für die heimische Hochschullandschaft?

Mit dem Tag, an dem das Vereinigte Königreich die EU verlässt, enden auch alle Verträge in diesem Rahmen. Laut der Nationalagentur für Erasmus+ Bildung OEAD gibt es eine Notfallmaßnahme für alle, die an einem Erasmus+-Programm teilnehmen und deren Aufenthalt darüber hinaus geht. Für Personen, die im Rahmen von Erasmus+ Lehr- und Fortbildungsaufenthalten ihren Auslandsaufenthalt spätestens bis zum Zeitpunkt des Austritts begonnen haben, soll gewährleistet sein, dass sie ihren Aufenthalt abschließen und weiterhin ihr Stipendien und sonstige Zahlungen beziehen. Der OEAD empfiehlt, bei laufenden Erasmus+-Mobilitätsprojekten diese Bestimmungen einzuplanen und bietet bei Unsicherheiten telefonischen oder schriftlichen Support an.

Eine Universität, die intensiv mit britischen Hochschulen zusammenarbeitet, ist die Med-Uni Wien – vor allem im Rahmen des EU-Programms Horizon 2020. „Wir haben 139 Partner im UK, an den aktuell laufenden 87 Projekten sind 52 britische Institutionen beteiligt“, sagt Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation. „Wir werden diesen Austausch sehr vermissen, vor allem bei der Ideengebung und in der Koordination.“

 

Analog zu Israel und Schweiz

Fritz befürchtet, dass vor allem der informative Austausch sehr unter den politischen Entwicklungen leiden wird und hat beobachtet, dass viele wissenschaftliche Expats gern nach Österreich zurückkehren würden, weil sie nicht wissen, wie sich die Lage entwickelt. „Britische Universitäten sind wichtige Player für uns, und wir hoffen, dass sich im besten Fall eine ähnliche Situation wie mit Israel oder der Schweiz ergeben könnte.“ Diese Länder werden assoziiert genannt, sie sind bei der Antragstellung den EU-Mitgliedstaaten gleichgestellt.

An der TU Graz wird man die Zusammenarbeit im Bereich der Mobilitätsprogramme bei gegenseitigem Übereinkommen weiterführen. „Auswirkungen wird es insofern geben, als wir Stipendien im Bereich der Outgoing-Mobilität selbst finanzieren müssen. Dasselbe gilt wohl für die Partneruniversitäten in Großbritannien“, sagt Sabine Prem, Leiterin des International Office der TU Graz. Möglicherweise würden auch Kooperationen von britischen Partnern künftig genauer bewertet und einzelne nicht fortgesetzt. Man habe aktuell noch keine Informationen, wie die britischen Partnerunis zukünftig hinsichtlich Stipendien vorgehen wollen. „Im schlimmsten Fall bedeutet der Brexit ein Aus für einige Kooperationen, im besten Fall bleibt das Bekenntnis zur Mobilität auch von britischer Seite bestehen“, sagt Prem.

 

Kooperationen fortgesetzt

An der WU Wien hat man laut Lukas Hefner, Leiter des dortigen International Office, vorgebaut: „Alle Kooperationspartner der WU haben bereits ihr Interesse bekundet, die Zusammenarbeit nach dem Brexit weiterzuführen. Vorbereitungen, um für den Fall eines Hard Brexit eine rechtliche Grundlage sicherzustellen, wurden bereits mit einigen Partneruniversitäten getroffen.“ Von einer Beeinträchtigung der Mobilitätsströme geht Hefner nicht aus, da man eine Fülle von Partnerbeziehungen außerhalb der EU pflege und sich vermutlich auch jene zu britischen Hochschulen ähnlich gestalten werden. Allerdings: „Es könnte zu finanziellen Auswirkungen kommen: Erasmus+-Stipendium könnten wegfallen und daher Stipendien zur Förderung der Studierendenmobilität aus anderen Mitteln bezahlt werden müssen.“ Im aktuellen Studienjahr absolvieren 65 WU Studierende ein Austauschsemester in Großbritannien. Dass man andere Geldquellen erschließen müsste, gilt auch für Forschungsprojekte, die von der EU finanziert werden. Grundsätzlich geht Hefner aber davon aus, dass sich die Kooperationen weiter nach den gemeinsamen Forschungsinteressen richten, die durch den Brexit ja nicht wegfallen.

Erste Auswirkungen der politisch unklaren Lage zeigen sich an der Akademie der bildenden Künste. Hier will man zwar ebenfalls an den bestehenden Partnerschaften mit Universitäten in London und Glasgow festhalten. „Hinsichtlich neuer Kooperationen wird wahrscheinlich restriktiver vorgegangen werden müssen, da wesentliche Gelder zur Finanzierung zur Zeit noch fehlen“, sagt Gabriele Reinharter-Schrammel. Leiterin des International Office der Akademie.

 

Rückgang bei Bewerbungen

„Die Akademie der bildenden Künste Wien hat deutlich weniger Bewerbungen von Austauschstudierenden britischer Partneruniversitäten. Für das Sommersemester 2020 haben sich nur drei Incoming-Studierende beworben.“ Von den regulär Studierenden würde sich derzeit niemand für einen Auslandsaufenthalt in Großbritannien bewerben, da es keinen Finanzzuschuss zu den gesteigerten Lebenshaltungskosten gebe. Normalerweise gebe es pro Studienjahr rund acht Bewerbungen für Mobilitäten an britische Partneruniversitäten und circa ebenso viele aus Großbritannien für ein Studium an der Akademie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)