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Siemens: Die Vernetzung von Politik und Wirtschaft

Siemens Masche Netzwerk
Brigitte Ederer, Wolfgang Hesoun(c) APN (Hans Punz)
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Kein anderer privater Konzern hat sich so planmäßig mit Politik und Wirtschaft vernetzt wie Siemens. Also wird Baumanager Wolfgang Hesoun nächster Konzernchef: Alle Hoffnungen ruhen auf dessen Netzwerk.

Das war wirklich spannend: Anfang Mai wurde bekannt, dass Brigitte Ederer, Chefin von Siemens Österreich, in den Mutterkonzern nach Deutschland wechselt. Dann folgten sechs Wochen Geheimniskrämerei. Sogar der Siemens-Aufsichtsrat rätselte: Wer wird Ederers Nachfolger? Ein Deutscher? Einer ihrer Vorstandskollegen in Österreich? Kurz vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am vergangenen Mittwoch wurde das Geheimnis gelüftet: Es wird der Chef des Baukonzerns Porr. Wolfgang Hesoun wird per 1.September die Österreich-Tochter des Siemens-Konzerns leiten.

Die Überraschung ist gelungen. Nicht alle sind restlos begeistert.

Einigermaßen pikiert sind zum Beispiel jene, die sich Hoffnungen auf den Job gemacht hatten – nämlich Ederers Vorstandskollegen. Jahrelang schon stehen sie im Dienste von Siemens, und dann wird's ein Baumanager. Daran hat so mancher ordentlich zu kiefeln.

Siemensianer der alten Schule wiederum ärgern sich, dass ein prononciert „Roter“ Chef wird. Das habe der seinerzeitige Siemens-Chef Albert Hochleitner dem Unternehmen eingebrockt: Immer schon war Siemens ein traditionell „schwarz“ geführtes Unternehmen gewesen – bis Hochleitner sich vor Jahren auf Brigitte Ederer als seine Nachfolgerin kaprizierte und diese auch durchsetzte. Mit der ehemaligen SPÖ-Politikerin an der Spitze nehmen die Dinge nun ihren Lauf: Natürlich hat sie einen Vertrauten als Nachfolger empfohlen.

Und das ist Wolfgang Hesoun zweifellos. Nicht nur, weil er politisch auf derselben Seite wie Ederer steht. In den vergangenen Jahren haben Siemens und Porr bei etlichen Projekten zusammengearbeitet. Im Kraftwerksbereich ist kein Projekt bekannt, bei dem Siemens nicht gemeinsam mit Porr geboten hat. Hesoun und Ederer sind also so etwas wie ein eingespieltes Team: Legendär ist etwa der seinerzeitige Zuschlag für das steirische Gaskraftwerk Mellach, den Siemens & Porr bekamen: Der konkurrierende Anbieter, der Industrielle Mirko Kovats, war sich damals bereits sicher, den Zuschlag in der Tasche zu haben. Doch dann brachten Ederer und Hesoun ihre politischen und wirtschaftlichen Kontakte ins Spiel – und zogen den 500-Millionen-Auftrag an Land.

Eine kleine Episode in der Geschichte des Siemens-Konzerns, eine entscheidende für Wolfgang Hesoun – beziehungsweise dessen Karriere: „Lobbying und Kontakte knüpfen sehen wir als unsere Verpflichtung“, postulierte einst der frühere Siemens-Boss Heinrich von Pierer.

Kein Wunder also, dass in Österreich die Wahl auf einen Manager fiel, der zwar kein gestandener Siemensianer ist, dafür aber über ein super Netzwerk verfügt: Hesoun hat beste Kontakte zur (roten) Stadt Wien, einer der wichtigsten Siemens-Auftraggeber. Als langjähriger Baumanager hat er einen guten Draht zur E-Wirtschaft, ebenfalls ein bedeutsamer Siemens-Kunde. Und die ÖBB, von denen sich Siemens feine Aufträge erhofft, werden von Hesoun auch recht vielversprechend abgedeckt: Nicht zuletzt, weil in den Bundesbahnen der frühere Porr-Chef und Hesoun-Mentor Horst Pöchhacker an der Spitze des Aufsichtsrates sitzt.

Passt alles bestens – zumal Siemens so etwas wie ein Synonym für „Networking“ ist. Kein anderer privater Konzern macht das so professionell planmäßig wie Siemens. Die Nähe von Managern zu Politikern, die bei Auftragsvergaben mitzureden haben, ist durchaus erwünscht. Ein guter Konnex zu Wirtschaftstreibenden sowieso.

Und da wird auch gern ein bisschen nachgeholfen. Schon der frühere Siemens-Chef Walter Wolfsberger hat das Lobbying zur Kunstform erhoben – in einer Zeit, in der die wenigsten mit dem Begriff überhaupt etwas anzufangen wussten. Sein Nachfolger Albert Hochleitner war da aber auch nicht faul. In seiner Ära machten Herbert Götz (Ex-Kabinettschef von Erhard Busek), Gerhard Hirczi (früher Sekretär von Franz Vranitzky) und Michael Kochwalter (einst Kabinettschef von Staatssekretär Wolfgang Ruttenstorfer) Karriere bei Siemens.

Beste Beziehungen zur Politik machen sich eben durchaus bezahlt – nicht nur bei Aufträgen im öffentlichen Sektor. Die seinerzeitige Großübernahme der VA Tech durch Siemens wäre – da sind sich alle Kenner der Szene einig – niemals über die Bühne gegangen, wäre Siemens nicht auf Du und Du mit der Landes- und der Bundespolitik gestanden.

Aber Politik ist nicht alles. Um in der Wirtschaft ein gutes Standing zu haben, werden Siemensianer gerne rundum „eingeschleust“. Der Unternehmensberater Klaus Woltron, der früher selbst einige Jahre bei Siemens gearbeitet hat, meinte einmal in einem Zeitungsinterview: „Siemens-Leute findet man praktisch überall in Österreich wie 's falsche Geld.“

Das liegt vor allem daran, dass Siemens-Mitarbeiter als Experten oft bei Kunden anheuern – und da kommt bei der ausufernden Siemens-Produktpalette schon eine recht gute Streuung zustande. Das liegt aber auch daran, dass es im Konzern durchaus gerne gesehen wird, wenn Siemensianer anderswo – vornehmlich bei wichtigen Kunden – groß Karriere machen. Als Siemens-Vorstand Anton Wais seinerzeit Post-Chef wurde oder Hans Haider vom Siemens-Vorstand in die Chefetage des Stromkonzerns Verbund wechselte, war die Freude groß. Weniger aus Image- als aus machtpolitischen Gründen. „Denn Siemens ist wie eine große Familie“, sagt ein ehemaliger Konzernmitarbeiter, „einmal Siemensianer, immer Siemensianer“. Und auf seine Wurzeln besinne sich jeder – egal, wer sein späterer Arbeitgeber ist.

Hans Haider wurde nach seiner Bestellung zum Verbund-Vorstand in den Siemens-Aufsichtsrat bestellt. Woran man ganz gut erkennen kann: Auch hinter der Auswahl der Aufsichtsräte steckt eine gute Portion Kalkül. „Generell wird danach getrachtet, Menschen, die machtpolitisch gut verankert sind, in das Gremium zu setzen“, erzählt ein Siemensianer. Und so ist es kein Zufall, dass Raiffeisen-Boss Christian Konrad, einer der wirklich Mächtigen des Landes, im Aufsichtsratspräsidium sitzt.

Siemens-Aufsichtsrat ist auch Helmut Draxler, der frühere Chef und nunmehrige Aufsichtsrat des Feuerfestkonzerns RHI – einem Siemens-Geschäftspartner. Oder Siegfried Wolf, Magna-Chef sowie Verbund- und Strabag-Aufsichtsrat.

Wie engmaschig das Netzwerk des neuen Siemens-Chefs Wolfgang Hesoun ist, wird sich weisen. Auf ihn wartet jedenfalls gleich nach Amtsantritt die erste Bewährungsprobe: Den ÖBB, die einst 67 Railjets bei Siemens bestellt haben, fehlt das Geld, um die restlichen 16 Züge den Verträgen gemäß bis zum Jahresende zu übernehmen. Hektische Verhandlungen, um den Deal zu retten, stehen an. Es geht immerhin um die Kleinigkeit von rund 195 Millionen Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)