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Netflix-Serie

„Messiah“: Ist das Jesus oder ein Terrorist?

Al-Masih (Mehdi Dehbi) bricht mit 2000 Palästinensern im Schlepptau nach Israel auf. Dort schrillen die Alarmglocken.
Al-Masih (Mehdi Dehbi) bricht mit 2000 Palästinensern im Schlepptau nach Israel auf. Dort schrillen die Alarmglocken.Hiba Judeh/Netflix
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In „Messiah“ geht ein Mann um, den manche für den Sohn Gottes halten. Er entzieht sich CIA und dem israelischen Geheimdienst Schin Bet, hat Jünger in Palästina und den USA. In sozialen Medien wird die Netflix-Serie kontrovers diskutiert.

Gerade als sich die IS-Truppen auf einem Hügel über Damaskus in Stellung bringen, wütet ein gewaltiger Sandsturm über der Stadt, der den Angreifern den Plan vereitelt und alle Bewohner in ihre Häuser jagt. Alle, bis auf einen. Einem jungen Mann mit langem dunklen Haar und akkurat gestutztem Bart scheint die Naturgewalt nichts auszumachen. Er predigt ungerührt weiter, auch als die Straßen leer gefegt sind: „Fürchtet Euch nicht“, „Die Rettung ist nahe!“, „Gott wird eure Feinde verjagen“, sagt er. Und tatsächlich: Als sich der Sandsturm legt, ist der IS mit seinen Panzern abgezogen. Für viele ist es ein Wunder, immer mehr schließen sich dem Unbekannten an, den sie al-Masih (Messias) nennen. Was er sagt, wird gehört. Nicht nur von seinen Anhängern, auch von der CIA und Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet. Als der charismatische Anführer, der – je nach Perspektive – für Jesus, den Teufel, einen Scharlatan oder einen gerissenen Terroristen gehalten wird, mit 2000 Palästinensern im Schlepptau in Richtung Israel aufbricht, ist bei den Geheimdienstlern Feuer am Dach . . .


Grenzen sind für die Glücklichen. Nicht nur die Agenten stehen in der Netflix-Serie „Messiah“ von Michael Petroni („Das Ritual“, „Die Bücherdiebin“) vor einem Rätsel. Wie ist dieser Mann einzuschätzen, der – auch gegen Widerstand aus den eigenen Reihen – Frieden und Zusammenhalt predigt? Der in keinem Gesichtserkennungsprogramm zu finden ist und sich vor laufender Kamera, wie es scheint, in Luft auflösen und plötzlich sogar in den USA auftauchen kann? Der keinerlei Angriffspunkte liefert – es sei denn, man hat generell etwas gegen Menschen arabischer Herkunft? In einer eindrücklichen Szene sitzt al-Masih (Mehdi Dehbi) in Texas vor Gericht. Man will ihn nach Israel abschieben. Statt sich zu verteidigen, hält er dem Richter eine Predigt: „Wo man geboren wird, kann man sich nicht aussuchen, es ist Schicksal“, sagt er, wissend, dass seine Anhänger in ihrem provisorischen Flüchtlingscamp vor der israelischen Grenze hungern. Und: „Gebiete werden durch Grenzen getrennt, die nur ein Konzept der Glücklichen sind.“

In sozialen Medien wird die Produktion kontrovers diskutiert. Manche Muslime monieren, al-Masih vertrete nicht die wahre Lehre des Islam, Radikalere halten die Serie für „islamophobe Propaganda“. Ein Twitter-User spricht von „a well-put commentary on the geopolitics and mainly CIA-led American politics“. Ganz unaufgeregt kann man sagen: Es ist gut gemachte fiktionale Unterhaltung. Es geht nicht nur um Religion und Glauben. Vielmehr wirft die Serie, die zwischen Geheimdienst-Thriller, Palästinenser-Drama und Mystery mäandert, politische und gesellschaftliche Fragen auf. Und wenn's zu theatralisch wird (etwa, wenn der Pfarrer durch eine Art Wunder zu Gott zurückfindet und sagt: „Irgendetwas ist hier passiert. Etwas Mächtiges . . .“), schwenkt die Serie auf einen anderen Handlungsstrang.


Ein US-Dorf, zerstört wie Damaskus.Überall trifft al-Masih auf Menschen, die auf der Suche nach Sinn und Halt sind. CIA-Agentin Eva (Michelle Monaghan) betrauert ihren verstorbenen Mann und ihre Kinderlosigkeit. Sie bekämpft Einsamkeit mit verbissener Arbeitswut. Funktioniert nur nicht. Ihr israelisches Visavis Avi (Komiker Tomer Sisley in einer grimmigen Rolle) versteigt sich in Gewaltexzesse, mimt aber für die Tochter den liebevollen Vater. Auch das geht sich nicht aus. Im texanischen Dilley scheint nicht nur der Reverend, sondern der ganze Ort den Glauben an Gott verloren zu haben. Ein Hurricane macht das Kaff dem Erdboden – und dem zerbombten Damaskus – gleich. Plötzlich sind US-Kleinbürger auf Wasserlieferungen und Zelte angewiesen wie die Flüchtlinge, deren Schicksal hier keinen interessiert hat. „Leer ist es bei euch hier“, sagt al-Masih, als er durch die texanische Ödnis kutschiert wird – und meint damit mehr als die Landschaft. Dass al-Masih ein (auch optisch) klischeehaft überhöhtes Jesus-Bild vermittelt – sei's drum! Es ist Unterhaltung, keine Religionsstunde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2020)