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Vergelt's Gott!

„Bésame mucho“ ist die inoffizielle Hymne der Brüsseler U-Bahn.
„Bésame mucho“ ist die inoffizielle Hymne der Brüsseler U-Bahn.(c) REUTERS (Benoit Tessier)
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„Bésame mucho“ ist die inoffizielle Hymne der Brüsseler U-Bahn. Predigen ist jedoch fortan verboten.

Ich lebe nun schon zum dritten Mal in Brüssel: 2003 war ich als Praktikant der EU-Kommission hier, dann 2009 bis 2013 als Berichterstatter der „Presse“, seit Mai 2017 tue ich das wieder. Im Lichte dieser bald 17 Jahre möchte ich die oft gescholtenen hiesigen Verkehrsbetriebe verteidigen: Ihr Service hat sich deutlich verbessert. Sowohl Zustand als auch Verlässlichkeit und Reichweite des Netzes von Bussen, Tramways und U-Bahnen sind viel kundenfreundlicher geworden.

Doch eines will mir nicht in den Kopf: Wieso nimmt es die Führung der Stib-Mivb tatenlos hin, dass in den Garnituren der U-Bahn ohrenbetäubend musiziert wird? Jeden Tag trifft man auf dem Weg ins Büro auf Musikanten aus Südosteuropa, die mitten in der Rushhour am Nervenkostüm der Fahrgäste zerren. Nicht, dass ich etwas gegen Musik im öffentlichen Raum hätte – im Gegenteil: Ich werfe den drei Musikern an meiner Tramwayhaltestelle, die ich regelmäßig beim zarten Jazzen antreffen, immer Geld in den Hut, denn sie verleihen dem Alltag Charme und Esprit. Das kann man von jener fülligen Chanteuse nicht behaupten, die täglich mitten im U-Bahnwaggon ihr Mikrofon an einen batteriebetriebenen Verstärker stöpselt und „Bésame mucho“ röhrt. Auch der schon in seiner Originalform kaum auszuhaltende Latinosong „Despacito“ gewinnt nicht durch Arrangements für Elektrogeige oder Akkordeon.

Immerhin beenden die Verkehrsbetriebe nun eine andere akustische Zumutung: Das lautstarke Predigen evangelikaler Christen aus Lateinamerika und Schwarzafrika in den Waggons ist nicht mehr erlaubt. Vergelt's Gott!

oliver.grimm@diepresse.com


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Timo Völker

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2020)