Der angeschlagene Parteichef rettet sich über die Runden. Doch die Führungsdebatte ist nicht zu Ende.
BERLIN/MÜNCHEN. Hinter geschlossenen Türen bedachten einander die Teilnehmer der Präsidiumssitzung in der Münchner CSU-Zentrale angeblich mit so manch deftigem Wort, wie es unter Parteifreunden in Bayern mitunter vorkommt. Als aber hernach die TV-Kameras surrten, übertrafen sich die CSU-Granden in Loyalitätsbekundungen für ihren waidwunden Parteichef Edmund Stoiber. Nach Wochen des parteiinternen Tumults hatte er sie zu einem Signal der Geschlossenheit vergattert - und zu einem Appell an die hartnäckige Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli, endlich klein beizugeben.
"Warum sollte der Tabellenführer der Bundesliga den Trainer auswechseln?", fragte Fraktionschef Joachim Herrmann in schönster Scheinheiligkeit. In einigen Jahren rechnet er sich selbst gute Chancen für den Job auf der Trainerbank aus. Plötzlich wollte auch niemand mehr etwas wissen von einer Ämtertrennung, wie sie noch am Wochenende durch die Partei gegeistert ist. Und so mancher verbog sich dabei bis zur völligen Krümmung des Rückgrats, wie Peter Ramsauer, der Chef der CSU-Bundestagsfraktion, der seine Äußerung vom Vortag ins Gegenteil verkehrte.
Mit leicht gequältem Gesichtsausdruck nahm Edmund Stoiber die Solidaritätsadressen entgegen. "Ich stelle mich der Führungsverantwortung, weil ich noch einiges vorhabe", erklärte der am längsten amtierende Regierungschef eines deutschen Bundeslandes. Seit 1993 regiert er den Freistaat, und seit 1999 in Personalunion als CSU-Chef. Statt über seine eigene Zukunft schwadronierte er hinterher lieber über die Tücken der Gesundheitsreform, und ein Gähnen machte sich breit im Saal.
Nur einer spuckte in die Suppe: Stoibers Intimfeind und Vorgänger als Parteichef, Theo Waigel. Der Finanzminister unter Helmut Kohl plädierte für eine Ämterteilung. Damit sei Bayern stets am besten gefahren, ließ er süffisant ausrichten. Eine späte Revanche. Denn Stoiber-nahe Kreise hatten in den 90er Jahren Indiskretionen aus Waigels Privatleben gestreut, Details über seine zerrüttete Ehe und seine Beziehung zur Ex-Skirennläuferin Irene Epple - seine heutige Frau -, um den Konkurrenten bei der Basis zu diskreditieren.
Die Palastrevolte in der CSU blieb zunächst also aus. Doch der Autoritätsverlust des Ministerpräsidenten ist nicht mehr aufzuhalten - wohl auch nicht durch eine noch so leidenschaftliche Aschermittwochsrede. Stoiber hat sich vorderhand nur über die Runden gerettet, über die beiden Klausurtagungen in Wildbad Kreuth in den kommenden Tagen.
Vor prächtig verschneiter Alpenkulisse, so die Regieanweisung aus der Münchner Staatskanzlei, soll ihn "Königsmacher" Herrmann in der nächsten Woche zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2008 proklamieren. Doch Schnee ist auch in Bayern Mangelware in diesen Tagen, und in der Bevölkerung schmilzt das Vertrauen in den Alpenkönig rapide. 60 Prozent der Bayern - und mittlerweile auch die Mehrheit der CSU-Mitglieder - sprechen sich für einen Amtsverzicht Stoibers aus.