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Die bittere Wahrheit hinter dem Attentatsversuch

Wer hinter dem Attentäter eine Tat vermutet, folgt zumindest sprachlich der falschen Spur.

Reden wir über einen Fehler. Dass nämlich bei Angriffen mit einer Feuerwaffe oft von einer Schießerei die Rede ist. Das kann zwar stimmen, allerdings nur, wenn auch jemand zurückgeschossen hat. Wenn es also um eine bewaffnete Auseinandersetzung geht, ein Gefecht. So wird die Schießerei im Duden als „wiederholter Schusswechsel“ beschrieben. Es gibt auch die Bedeutung „(dauerndes) Schießen“, allerdings versehen mit dem Zusatz „meist abwertend“. Wenn etwa ein Betroffener eines Konflikts meint, dass ihm die ganze Schießerei schon beim Hals heraushänge – es geht also um das Schießen an sich. Kurz zusammengefasst: Wenn jemand mit einer Waffe auf einen oder mehrere Menschen schießt und dann flüchtet, haben wir es in der Regel nicht mit einer Schießerei zu tun. (Sticht jemand einem anderen ein Messer in den Rücken, sprechen wir ja auch nicht von einer Messerstecherei.)

In manchen Fällen kann es sich dabei um ein Attentat handeln, also einen politisch oder ideologisch motivierten Anschlag auf eine im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeit oder eine Gruppe. Der Begriff ist entlehnt vom lateinischen attentatum, was für Versuch steht. Wobei darunter zunächst der Versuch zu einem Verbrechen verstanden wurde, im 19. Jahrhundert wurde es schließlich eingeengt auf den politischen Mord(versuch). Wird heute, wie ein Leser anmerkte, von einem Attentatsversuch gesprochen, handelt es sich also quasi um einen Versuchsversuch. Und das „tat“ am Ende ist keine Tat im Sinne des Ausführens einer Handlung. (Wer oder was wäre dann auch ein Atten?) Und der Attentäter ist nur eine volksetymologische Kreation. Die wurde im 19. Jahrhundert geschaffen – als Reimwort zu Hochverräter. Ach ja, es gibt auch noch eine scherzhaft übertragene Bedeutung – wissen Sie, welche? Nun, ich hätte da noch ein Attentat . . .

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2020)