Der bayerische Löwe fraß Kreide

analyse. Unmut in der CSU über Edmund Stoiber. Der macht einen Rückzieher.

BERLIN. Die Zeit der dröhnenden Kraftmeiereien ist auch in Bayern vorbei. Edmund Stoiber nahm man den Jähzorn des Poltergeists ohnehin nie so richtig ab - dazu umgab ihn stets etwas von einem Hamlet: etwas zaudernd Zaghaftes.

Zur Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2002 trieben den CSU-Chef seine Vasallen aus München, Mitarbeiter fütterten den Aktenfresser bei Pressekonferenzen mit Spickzetteln, so dass er bisweilen wie ferngesteuert wirkte.

Jetzt aber wollte er noch einmal kräftig auf den Tisch hauen, wie es sein Mentor Franz Josef Strauß in Wildbad Kreuth so oft und unnachahmlich in der Manier des starken Mannes getan hatte. In Verkennung der Machtverhältnisse und wohl in die Irre geleitet von offiziösen Treueschwüren der Parteigranden, nahm der "Edi" den Mund zu voll: Er sei nicht bekannt für halbe Sachen, hob er bei der Klausur der CSU-Bundestagsabgeordneten unlängst an. Darum werde er als Ministerpräsident bis 2013 amtieren.

Einigen Mächtigen in der CSU fiel darob die Kinnlade herunter. Würde Stoiber seine "Drohung" wahr machen, würde er noch sechs Jahre amtieren; insgesamt dann 20 Jahre. Das war des Guten zu viel. Lautstark machte sich in den Funktionärskreisen und erst recht an der Basis Unmut breit.

In der Führungsetage herrscht ohnedies Entsetzen über die Realitätsverweigerung Stoibers. Gerade erst glaubte sie, die Führungskrise halbwegs überstanden zu haben. Der Druck auf Stoiber war ein wenig gewichen, schon aber sorgt er für neues Ungemach.

Schon jetzt ist die Position der CSU in Berlin geschwächt - etwa bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform, die die CSU nach Kräften gestört hat. In der Hauptstadt ist der einst gefürchtete Stoiber zur Witzfigur geschrumpft. Mit einem Mal drohten die Dämme endgültig zu brechen, die die Partei um ihren Führungsmann mühselig gebaut hatte. Wie sagte Peter Ramsauer, Chef der CSU-Bundestagsabgeordneten: "Wir stehen vor, hinter und um den Ministerpräsidenten."

Doch plötzlich stand Stoibers Schicksal wieder auf dem Spiel. Er hatte die Landtagsfraktion gedrängt, ihn bei deren Klausur in Wildbad Kreuth vorzeitig zum Spitzenkandidaten zu nominieren, was da und dort grantiges Grummeln hervorgerufen hat. Ohne eine solche Zusage, so kolportiert der "Stern", hätte Stoiber bereits in der Vorwoche entnervt alles hingeschmissen.

In größter Not vollzog er nun einen halben Rückzieher: Er sei sich seiner Verantwortung für Bayern und die CSU bewusst, philosophierte er - was ihm Wohlmeinende als Rückzug zur Mitte der nächsten Legislaturperiode auslegten. Und er werde sich dem Votum des Parteitags über seine Spitzenkandidatur im Herbst stellen.

Vor drei Tagen hatte der bayrische Löwe noch einmal gebrüllt. Nun hat er Kreide gefressen.

Die Winterklausur der CSU-Landesgruppe in Wildbad Kreuth wurde vom Führungsstreit um CSU-Chef Edmund Stoiber völlig überschattet. Die Mehrheit der Bayern will Stoiber nicht mehr als Ministerpräsidenten nach 2007.

[*] Aufstockung der US-Truppen um 21.500 Soldaten auf insgesamt 150.000. So soll die Gewalt in Bagdad, dem Epizentrum der Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten, eingedämmt werden.

[*] Job-Offensive. Die USA wollen 1,2 Mrd. Dollar für Wiederaufbauhilfe bereitstellen, die irakische Regierung soll weitere 10 Mrd. Dollar investieren. Die Logik dahinter: Wer Arbeit hat, kämpft nicht.

[*] Keine diplomatischen Initiativen. Entgegen dem Vorschlag der Baker-Hamilton-Kommission gibt es keinen Dialog mit Syrien und dem Iran.

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