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Fußball-WM: Afrikanischer Katzenjammer

FussballWM Afrikanischer Katzenjammer
Fan(c) AP (Themba Hadebe)
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In Südafrika macht sich Ernüchterung breit. Der Erfolg bleibt aus und schon hinterfragen manche den Sinn der WM. Eine aktuelle Studie belegt: "Für die WM wurde viel Geld ausgegeben, das an anderer Stelle fehlt."

Johannesburg. „Schlecht“, antwortet Refilwe Poluk auf die Frage, wie es ihr gehe. Die Südafrikanerin arbeitet bei McDonald's im Johannesburger Stadtteil Sandton. Vor wenigen Tagen hatte das WM-Fieber die 23-Jährige noch voll im Griff. Davon ist nichts mehr zu merken. „Dass unsere Bafana Bafana nicht gewinnen, war zu erwarten. Aber dass alle afrikanischen Teams so schwach sind, enttäuscht mich.“

Am Tag vor dem WM-Start hatte Poluk mit ihren McDonald's-Kolleginnen noch laut „Finale, Finale“ gesungen. Wenn schon nicht der Gastgeber in selbiges einzieht, dann eine andere Mannschaft aus Afrika, war nicht nur Poluk, sondern die Mehrheit der Menschen in den Straßen Johannesburgs überzeugt. Eine Solidarität unter Afrikanern war spürbar, von der Europa nur träumen kann.

 

Sechs Teilnehmer, kaum Erfolge

Eine gute Woche später ist von der Euphorie nicht mehr viel zu merken. Der Lärm der Vuvuzelas lässt nach, die Partystimmung ist vorbei. Von den sechs Teams des Schwarzen Kontinents konnte bislang nur Ghana halbwegs überzeugen. Vor allem der ewige Geheimfavorit Nigeria und nicht zuletzt Südafrika enttäuschten. „Für mich ist die WM gelaufen“, sagt Poluk mit leiser Stimme.

Es sind genau jene Menschen wie Poluk, die dem Cheforganisator Danny Jordaan nun große Sorge bereiten. Er sieht den Erfolg der WM gefährdet. „Die Südafrikaner müssen sich weiterhin begeistert zeigen und unbedingt die Stadien besuchen“, sagt er.

Doch vielen Leuten sind die Worte des Organisators egal. „Ich versuche, meine Tickets zu verkaufen“, erklärt Moses Argut, der als Pizzabäcker in Midrand, nördlich von Johannesburg, arbeitet. Er besitzt zwei Karten für das letzte Gruppenspiel Südafrikas gegen Frankreich. Dafür hat er knapp zwei Wochenlöhne, umgerechnet 250 Euro, auf den Tisch gelegt.

„Eine Fehlentscheidung“, meint Argut nun. Der Fußballfan lebt mit seiner Familie im Armenviertel Tembisa. Vor der WM war er noch überzeugt, dass die Veranstaltung Südafrika guttun und den Lebensstandard in den zum Teil bitterarmen Townships heben wird. Jetzt ist der Pizzabäcker aber nicht nur auf seine „Bafana Bafana“ sauer. „Das alles kommt wieder nur den Reichen zugute“, denkt er.

 

Ein Zug für die Oberschicht

Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gibt Argut recht. „Für die WM wurde viel Geld ausgegeben, das an anderer Stelle fehlt – etwa in der Bildung“, ist in dem Papier zu lesen. Und weiter: „Die WM droht die Ungleichheit noch zu zementieren.“ Als Beispiel dafür gilt die moderne Pendlerstrecke „Gautrain“ zwischen Johannesburg und Pretoria. Die Bahn wurde als Teil eines 800 Mio. Euro schweren Infrastrukturprojekts gebaut. Sie verbindet nicht nur die zwei Metropolen, sondern auch mehrere Stadien. Bloß in den verarmten Townships hält der Zug nicht.

„Das überrascht mich nicht“, sagt Pizzabäcker Argut. Er wird genauso wie McDonald's-Verkäuferin Poluk weiterhin mit dem Bus zur Arbeit fahren. An einen Nutzen der WM glaubt er nicht mehr. Das schwache Abschneiden der Afrikaner hat ihm die Realität wieder vor Augen geführt. Die Euphorie ist dem Katzenjammer gewichen. Zumindest vorübergehend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)

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