Große Krokodilstränen für ein großes Krokodil

Von einem Medienzaren wie Hans Dichand kann sich kein Mensch objektiv verabschieden. Das gelingt weder Günstlingen noch Gegnern.

Er war ein großer Menschenfreund, insinuieren in der Samstagausgabe der „Kronen Zeitung“ Mitglieder der Redaktion. „Es muss immer auch das Herz dabei sein“, steht über ihren Nachrufen, die mit einem blumenreichen Bild von Dichand senior und junior im Kreis von Mitarbeiterinnen geschmückt sind. Ja, er war ein großer Frauenfreund. Und ein großer Tierfreund, „einer der größten Naturschützer Österreichs“, weiß der WWF. Er war auch ein großer Förderer der Windreime, wie Hausdichter Wolf Martin in einem unglaublichen Abschiedsgedicht beweist: „ein Vater für das ganze Land“, heißt es auf dem Scheitelpunkt des Zwölfzeilers, der dann „im Wechsellauf der Zeit“ ins religiöse Fach wechselt: „Nimm nun, o Vater aller Welten, ihn auf ins Reich der Herrlichkeit!“ Dafür gibt es auch eine Empfehlung des Wiener Erzbischofs. „Krone“-Kolumnist Schönborn lobt „trotz mancher inhaltlicher Differenzen“ das Verständnis Dichands für die Religion.

Mit so viel Segen können die Politiker und Chefredakteure nicht aufwarten. Sie sind im Vergleich zur Größe des Events unziemlich einfallslos: „ein begnadeter Blattmacher“ (Kanzler Faymann), ein „herausragender Zeitungsmacher“ (Vizekanzler Pröll), der „erfolgreichste Zeitungsmacher der Nachkriegsgeschichte“ (Bürgermeister Häupl).


Das Schweinchen macht alles. Wer wollte diesen ehrlichen Worten widersprechen? Dichands würdig sind sie aber nicht. Er hat die Opfer der „Krone“ immer direkt treffen lassen. Unvergessen ist die begnadete Schlagzeile zu den mordenden Krankenschwestern in Lainz. Fälschlich wurde eine von ihnen als Prostituierte bezeichnet: „...das Schweinchen macht alles“. Dafür gab es sogar eine Rüge. Andere Hetzkampagnen aber und die vielen menschenverachtenden Leserbriefe, die Dichand abdrucken ließ, blieben vom Presserat meist ungeahndet. Warum? Erhellend ist ein Dokumentarfilm der Belgierin Nathalie Borgers, „Kronen Zeitung – Tag für Tag ein Boulevardstück“. Der ORF hat den 2002 produzierten Film nicht ausgestrahlt. Auf You-Tube kann man sehen, warum. Dichands Umgang mit der Macht wird gezeigt. Gnadenlos.

norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)

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