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Rupert Murdoch: Der letzte Zeitungszar

letzte Zeitungszar
Rupert Murdoch and Wendi Deng(c) REUTERS (JESSICA RINALDI)
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Während Österreich mit Hans Dichand seinen größten Medienmagnaten verloren hat, ist Rupert Murdoch hoch aktiv: Gerade hat er einen Zeitungskrieg zwischen seinem "Wall Street Journal" und der "New York Times" angezettelt.

Die feine englische Art war Rupert Murdoch stets wesensfremd. Dass die Londoner Oberschicht die Nase über den australischen Parvenu rümpfte, ließ ihn ungerührt. Knallhart kostete der Eigentümer der „Sun“ und der „Times“ seine politische Macht aus. Vor dem Wahlsieg Labours 1997 suchte Tony Blair die Unterstützung des deklarierten Margaret-Thatcher-Freundes, nach der Kehrtwende des konservativen Verlegers stürzten die Tories aus allen Wolken. Der neue Premier David Cameron genießt jetzt vorerst wieder sein Wohlwollen.

Längst hat der 79-jährige Medientycoon, dessen „News Corporation“ ein Imperium auf vier Kontinenten umspannt, seinen Schwerpunkt von London nach New York verlagert. Von hier aus steuert er seine Unternehmungen im globalen TV-, Film- und Internet-Business. Mit seinem stramm rechten Kabelsender „Fox News“ mischt er kräftig in der US-Politik mit. Ein Zeitungsmann von der Pike auf – von seinem Vater übernahm er zwei Blätter in Adelaide –, hat er in New York in brachialer Manier einen Zeitungskrieg angezettelt. Vor drei Jahren erwarb der Besitzer der defizitären Boulevardpostille „New York Post“ die altehrwürdige Finanzgazette „Wall Street Journal“ (WSJ) für fünf Milliarden Dollar von der Bancroft-Familie, um sie alsbald umzukrempeln und im Frühjahr mit einem ausführlichen Lokalteil einen Angriff gegen den verhassten Platzhirsch zu lancieren – die „New York Times“.

Er nahm den Konkurrenten gleich auch persönlich aufs Korn. Eine Story über feminine Männer illustrierte das „Journal“ mit einem Konterfei, dessen untere Hälfte die Züge von Arthur Ochs Sulzberger jr. trug. „Pinch“, der Spross der Ochs-Sulzberger-Dynastie, führt in vierter Generation die „New York Times“ (NYT), das liberale Leitmedium der US-Zeitungsbranche.

„Jeder Wettbewerb sollte zu Hause anfangen“, lautet der Werbeslogan Murdochs. „Eine gewisse New Yorker Tageszeitung hat in ihrer Jagd auf Journalistenpreise und nationale Reputation aufgehört, über die Stadt zu berichten“, ätzte er. Tatsächlich ist der Lokalteil der „Times“ im Politikteil aufgegangen. „Journal“-Chefredakteur Roger Thomson, ein Landsmann Murdochs, stichelte: „Wenn Sie die ,New York Times‘ wirklich lesen wollen, dann tun Sie das doch gratis im Web.“

Seither ist die Schlacht um die Vorherrschaft in New York voll entbrannt. Mit Dumping-Anzeigenpreisen nimmt Murdoch Verluste in seinem Vernichtungsfeldzug in Kauf. In einer Zeit, da die „Times“ angeschlagen ist, wittert der Medienmagnat seine Chance. Sulzberger hat die Fortune verlassen. Nach dem Erwerb des „Boston Globe“ und dem prestigeträchtigen Bau eines neuen Verlagsdomizils durch Stararchitekt Renzo Piano ist das Blatt in eine schwere Krise geschlittert. Der mexikanische Milliardär Carlos Slim, Nummer eins in der Liste der Reichen von „Forbes“ und Anteilseigner von rund sieben Prozent an der „NYT“, hat Sulzberger mit einem Kredit aus der Patsche geholfen. Doch Verkaufsspekulationen umwabern das Renommierblatt. Es wäre der größte Triumph für Rupert Murdoch, den letzten klassischen Zeitungszaren, der aus dem Outback ausgezogen war, um die Welt zu erobern.

Sulzbergers Familie in Stellung. Sulzberger denkt jedoch nicht ans Aufgeben. Gerade erst hat der 58-Jährige seinen Sohn als „Times“-Korrespondenten in die Provinz entsandt, nach Kansas City. So wie er soll auch der Junior alle Berufsstationen durchlaufen.

Auch bei der „Washington Post“ hält mit Katharine Weymouth eine Familienerbin die Stellung als Herausgeberin. Allerdings nicht ohne Probleme: Kürzlich kündigte der Verlag den Verkauf des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ an. Die 43-Jährige ist die Enkelin der legendären Katharine Graham, die durch das Stahlbad der Watergate-Affäre ging und in der Hauptstadt einen legendären politischen Salon führte.

Investoren statt Zaren. Grahams Tod markierte das Ende einer Ära – so wie in Deutschland der Tod von Gründerfiguren wie Henri Nannen (Stern), Rudolf Augstein (Spiegel) oder Axel Springer (Bild, Welt). Dort sind die Burdas (Focus, Bunte) und die potenten, aber zurückhaltenden Holtzbrincks (Zeit, Handelsblatt) übrig geblieben. Hier wie da ist die Zeit der großen Zeitungsdynastien und Verlegerpersönlichkeiten vorbei. Die Chandlers – Erfinder des „Hollywood“-Schriftzugs – haben die „Los Angeles Times“ an den Finanzinvestor Sam Zell verschleudert, der die Zeitung – ebenso wie die „Chicago Tribune“ – ausbluten und in den Bankrott rasseln ließ.

Unverhohlen hat Murdoch immer William Randolph Hearst bewundert, den Inbegriff eines Zeitungszaren. Doch von Hearsts Nimbus zehrt heute nicht einmal der unter Leserschwund leidende „San Francisco Chronicle“. Vom Größenwahn des skrupellosen Verlegers, der sogar Präsidentschaftsambitionen hegte, künden der kitschig-protzige Hearst Palace in den Hügeln über der kalifornischen Pazifikküste und Orson Welles' cinematografisches Meisterwerk „Citizen Kane“. Eine Verfilmung der Biografie Rupert Murdochs steht vorläufig noch aus. An eigenen Film- und Fernsehsendern würde das Projekt nicht scheitern.

Top Ten

Die Walt Disney Company ist der
weltgrößte Medienkonzern (25,9Mrd.€ Umsatz 2009); gefolgt von Comcast (25,6) und der News Corporation (21,8).

In Europa führt Bertelsmann (15,4) vor Vivendi (12) und Lagardère (7,9).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)