Gästesektor: "Möge der Bessere gewinnen"

"Möge der Bessere gewinnen" ist in der Theorie zwar edel, in der Praxis aber öd. Allerdings: Wie entscheidet man eigentlich, zu welchem Team man als Fan hält?

Fan-Sein hat per Definition immer etwas Demütigendes. Das stimmt für Rock- und Popmusik (ich erinnere mich da etwa an ein völlig ironiefreies Telefonat mit Freundin S. vor zwei Wochen. Inhalt: Josh Homme, Sänger u.a. der „Them Crooked Vultures“, sitzt vor ihr im Museumsquartier und hat eine grüne Hose an. Huch.) Aber natürlich und vor allem gilt dieser Grundsatz auch für Fußball. Wer während eines beliebigen Meisterschaftsspiels je auf der Fantribüne gesessen ist, kennt den Anblick: Mit hässlichen Fanartikeln behangene Männer schreien mit heiserer Stimme rumpelnde Reime und schwenken dabei Leichtbier in Plastikbechern. Schön ist das nicht.

Aber lustig. Zumindest lustiger, als einen Elfmeterstoß in der stoischen Gewissheit zu verfolgen, dass es einem egal ist, ob der Schütze trifft. „Möge der Bessere . . .“ ist zwar in der Theorie edel, in der Praxis aber eher öd. Allerdings: Wie entscheidet man, zu wem man hält, wenn einen weder patriotische Pflichten noch Wetteinsätze binden? Wenn man wie bei dieser WM völlig frei ist? Geht man dann nach Gerechtigkeit vor (immer brav zu den Underdogs halten) oder opportunistisch nach den Siegeschancen? Oder doch nach den guten alten Vorurteilen (Hauptsache nicht die Deutschen, obwohl die heuer für viele irritierenderweise nicht gänzlich unsympathisch sind)? Die Antwort lautet: weder noch. Denn meistens entscheidet man gar nicht selbst. Sondern der Zufall. Und der hat – getreu dem Prinzip der Fandemütigung – einen Hang zu sentimentalem Unsinn.

Schräge Liebe. So gerät Freund J. jedesmal dezent ins Stottern, wenn er seine WM-Sympathien auf den Tisch legen muss. Die treue Liebe zu Uruguay etwa verdankt J. nur der Tatsache, dass er als Kind den Namen lustig fand (an dieser Stelle eine Frage an die ORF-Kommentatoren: Ja, Uruguay ist ein schwieriges Wort, aber muss man die Spieler mit „Urus“ abkürzen, vor allem, wenn der Begriff – zumindest laut Wikipedia – eine indigene Gruppe in Peru bezeichnet? Und warum schreckt man dann bei der Mannschaft aus Paraguay inkonsequenterweise vor „Paras“ zurück?) Auch Italien hat sich J. schon früh „eingetreten“, warum ist dabei genauso schwer zu erklären wie die Tatsache, dass J. gern italienische Sportzeitungen kauft, die er nicht lesen kann. Gegen Südkorea schließlich, sagt J., habe er sich lange gewehrt – aber die schöne Choreografie der Fans, ihr diszipliniertes Trommeln, irgendwann war es halt Liebe.

Wobei – genau wie in der Liebe gilt: Nicht jeder ist so prinzipientreu wie J. Wer wie ich keine historisch gewachsenen Sympathien hat, muss diese vor jedem Spiel neu verteilen und wird dann nicht selten mittendrin von sich selbst überrascht. Manchmal macht eine einzige arrogante Spielergeste alles zunichte, manchmal sind es geopolitische Überlegungen, die der Zuneigung in die Quere kommen. Etwa: Wenn Argentinien Weltmeister wird, was passiert mit Maradona? Gott ist er in Argentinien schon, bliebe noch Präsident. Deswegen: Argentinien zuliebe kein Daumendrücken für Argentinien. Alles klar? Bei der Schweiz will ich nichts beschönigen: Was als großzügige Sympathie für einen Underdog begann, verwandelte sich nach dem Sieg gegen Spanien in blanken Neid. Das hätten wir sein können. Müssen. Sollen. Und manchmal, da ist das Fan-Sein, egal für wen, richtig schwer, wenn nämlich die Wahl wegen Äquidistanz zu beiden Teams eine willkürliche ist. So habe ich bei Chile gegen Honduras glatt vergessen, für wen ich mich vorab entschieden hatte und habe dann für die andere Mannschaft geklatscht. Demütigend? Und wie. Aber was soll man machen?

ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)

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