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Matura: Die große Leere nach der Reifeprüfung

Matura grosse Leere nach
Symbolbild Lernen(c) Bilderbox
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An die 40.000 Schüler haben im Juni ihre Reifeprüfung. Nach der ersten großen Erleichterung kommt für viele das Feiern, für andere geht es gleich zum nächsten Schritt – Ausbildung, Arbeit oder Präsenzdienst.

Es war so ein Gefühl, ein „Das war's jetzt“, das Maria Hellsberg vergangenen Montag spürte. Die Anspannung war gerade auf dem Höhepunkt – die Ergebnisse wurden verlesen. Und auf einmal war alles vorbei. Sie hatte die Matura bestanden. Die Schulzeit war vorbei. Die 19-Jährige gilt jetzt offiziell als „matura“ – als „reif“.

Rund 40.000 Schüler sind es österreichweit, die im heurigen Jahr eine höhere Schule mit der Matura abschließen – nach vier Jahren in einer AHS-Oberstufe oder nach fünf Jahren an einer berufsbildenden Schule wie einer HTL oder HAK. Nach einer Zeit, in der alles auf diese eine Prüfung ausgerichtet ist, die gesamte Arbeit auf diesen letzten Abschluss hin zielt. Und dann ist es so weit. Und auf einmal zeigt sich die Schule von einer Seite, von der man sie noch nicht kannte.

„Auf einmal waren die Lehrer ganz andere Menschen“, erzählt Maria. Selbst die, die während der gesamten Schulzeit für ihre Strenge gefürchtet waren, kümmerten sich rührend um die Schüler. „Angeblich habe ich gezittert“, erzählt sie. Aber eigentlich war dann alles sehr schnell vorbei. Und ihre Zeit an der Kindergartenschule Maria Regina in Döbling war Geschichte.


Matura, was nun? Noch überwiegt bei Maria die Freude, die Erleichterung, diese große Prüfung hinter sich gebracht zu haben. Jetzt wird vor allem einmal gefeiert. Beim Summersplash (siehe auch Artikel rechts) in Antalya will sie, so wie tausende andere Maturanten, „feiern, entspannen und einfach wieder runterkommen“. Noch einmal mit den Klassenkollegen unterwegs sein. Was danach kommt, das hat sie schon minutiös durchgeplant. Nach der Maturareise wird die erste eigene Wohnung gesucht – und am 30. August hat sie ihren ersten Arbeitstag in einer Wiener Kinderbetreuungsstelle.

Zielstrebig von der Schule in den Job – unter den österreichischen Maturanten ist das eher die Ausnahme. Für den Großteil ist die Reifeprüfung lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer akademischen Ausbildung. An die 80 Prozent eines Maturajahrgangs beginnen im Anschluss ein Studium an einer Universität oder einer Fachhochschule. An berufsbildenden Schulen ist der Anteil etwas geringer, wer allerdings von einer AHS kommt, hat kaum mehr eine andere Möglichkeit.


Die nächste Prüfung. „Die Matura hat ganz praktisch an Wert verloren“, sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung. Konnte man früher mit Matura gleich in den Beruf einsteigen, muss es heute schon etwas mehr sein. Ein Bachelor zumindest. Oder gar gleich ein Master. „Bildungsabschlüsse sind heute zunehmend entwertet“, meint Ikrath. Das wissen auch die Schüler, die ihre Karrieren schon im Vorhinein über die Matura hinaus planen müssen. Für Roberta Jaggner steht der nächste entscheidende Termin schon in Kürze bevor. Am 8. Juni hat sie am Gymnasium in der Haizingergasse maturiert, am 9. Juli sitzt sie schon beim EMS-Test, dem Aufnahmetest für angehende Medizinstudenten.

„Wahrscheinlich ist das ein ganz anderes Lernen als für die Matura“, meint die 18-Jährige. Aber stressig ist es allemal. Denn nur wenige Tage, nachdem sie maturiert hat, muss sie nun schon wieder lernen. Und auch eine Maturareise wird sich deswegen für sie nicht ausgehen. „Aber das ist o. k. für mich.“ Immerhin war sie das Lernen die letzten Monate über ja gewohnt. Auch wenn sie sagt, dass sie für die Matura eigentlich gar nicht so viel gelernt hat.

Georg Wiedmann, der einen Tag vor Roberta seine Reifeprüfung hatte, wirkt um einiges entspannter. „Die Matura war nicht so schwer, wie ich es erwartet habe.“ Gelernt hat der 18-Jährige viel dafür. „Ich wollte nicht spekulieren.“ Dafür gönnt er sich jetzt, da die Anspannung der Erleichterung gewichen ist, viel Schlaf. Tagsüber. In den Nächten wird dafür gefeiert. Ab und zu holt ihn die Vergangenheit zwar noch ein – wenn er etwa plötzlich denkt, dass er noch etwas lernen muss. „Aber dann kommt man drauf, dass man das ja gar nicht mehr muss.“ Ein bisschen lernen wird er vielleicht noch müssen, wenn er im September seinen Zivildienst beim Samariterbund antritt. Aber dann erst wieder, wenn es ans Studieren geht. „Wahrscheinlich Jus, aber bis dahin habe ich ja noch über ein Jahr Zeit.“ Georg wirkt nicht so, als würde er sich allzu viel mit der ferneren Zukunft beschäftigen. Jetzt geht es erst einmal auf Maturareise. Mit X-Jam in die Türkei. Alle anderen Entscheidungen können warten.

Entscheidungen treffen – das fällt vielen Jugendlichen heute schwer. Nicht nur nach der Matura, auch noch lange nachher. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Phase der Jugend immer länger dauert, man immer länger einen jugendlichen Lebensstil hat. Mit der Konsequenz, dass selbst so mancher 30-Jährige heute auf Rockfestivals geht und sich dort benimmt, als wäre er gerade erst 18 geworden. Die Ansicht, dass man mit der Matura erwachsen ist, die ist jedenfalls passé. Diese symbolische Bedeutung hat die Reifeprüfung längst verloren. Matura ist die Voraussetzung, um studieren zu können. Mehr nicht.

Das Erwachsenwerden lässt sich zumindest nicht mehr daran koppeln. Schon eher daran, ob man auf eigenen Beinen steht. Und diesen Schritt machen junge Menschen heute zunehmend später: „Man wohnt immer länger zu Hause, bekommt immer später Familie – und studiert viel mehr. Dadurch verzögert sich der Übergang ins Berufsleben“, sagt Jugendforscher Ikrath. Allerdings: Das lange Ausleben eines jugendhaften Stils ist ein Privileg jener, die sich eine höhere Bildung leisten können. Jugendliche, die eine Lehre gemacht haben, bezeichnen sich deutlich früher als erwachsen. Sie verdienen früher ihr eigenes Geld, ziehen früher aus der Wohnung der Eltern aus und gründen früher eine eigene Familie.
Erst mal Ferien. Für Ismael Sanou ist dieser Schritt noch weit weg. Zwar freut sich der 19-Jährige auf drei Monate Ferien, doch vorher hat er noch etwas zu erledigen: Er hat an der Graphischen einen der spätesten Maturatermine überhaupt erwischt. Am 1. Juli muss er sich seiner Abschlussprüfung stellen. „Das ist schon ziemlich anstrengend.“ Immerhin, die schriftliche Matura ist schon erledigt. Und es sei ja auch schon ein gutes Gefühl, nie wieder einen Deutsch-Aufsatz schreiben zu müssen. Ein bisschen Neid auf die Schüler, die jetzt schon auf Maturareise sind, klingt bei ihm aber trotzdem durch. Auch er will es bald haben – dieses Gefühl, dieses „Das war's jetzt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2010)