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Stadtrechnungshof

Kinderpsychiatrie: Ohne Ärzte, Betten, Therapie

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago stock&people
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In Wiens Kinderpsychiatrie ist die Situation kritisch. Plätze fehlen, Kinder werden ohne adäquate Betreuung bei Erwachsenen untergebracht und damit gefährdet.

Wien. Ein vernichtendes Zeugnis stellt der Wiener Stadtrechnungshof dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) bei der psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus. Verglichen wurden die vorhandenen und geplanten stationären Kapazitäten – anhand der Vorgaben. Dazu heißt es wörtlich: „Dabei stellte der Stadtrechnungshof Wien fest, dass der KAV mit einer Anzahl von 56 systemisierten Betten im vollstationären Bereich und acht tagesklinischen Behandlungsplätzen nicht einmal die Hälfte der Planungswerte erreicht.“

Anders formuliert: Es gibt eine gravierende Unterversorgung für Kinder mit psychiatrischen Leiden. Und das hat Folgen: „Dies führte zu der Situation, dass in dieser Zeit neben 2190 stationären Aufnahmen an Kinder- und Jugendspsychiatrien . . . insgesamt 542 Minderjährige an psychiatrischen Abteilungen für Erwachsene aufgenommen worden waren.“ Das ist für Kinder verheerend; ist es doch ein Bereich, der für sie völlig ungeeignet ist – wegen möglicher Gefährdungen von Kindern durch erwachsene Patienten beziehungsweise das Auslösen von Angstzuständen durch psychisch kranke Erwachsene. Darüber hinaus: In der Erwachsenenpsychiatrie gibt es keine spezialisierten Kinderärzte und kein auf Kinder abgestimmtes Therapieprogramm. Wörtlich heißt es: „Eine Teilnahme, z. B. an Gruppentherapien, war daher nur eingeschränkt möglich bzw. sinnvoll, wodurch z. T. therapeutische Maßnahmen zur Gänze unterblieben.“

Konkret wurden alle zwölfjährigen Patienten (zwei Betroffene) im Betrachtungszeitraum in der Erwachsenenpsychiatrie aufgenommen, 75 Prozent der 13-Jährigen, 73 Prozent aller 14-Jährigen. Im Klartext: Kinder landen auf der Erwachsenenpsychiatrie, weil die Stadt Wien es über Jahre versäumt hat, ein Mindestmaß an Betten zu organisieren; obwohl die Situation intern bekannt war und das medizinische Personal laufend auf die Probleme hinwies.

Die Situation ist seit Jahren desaströs, wie die Zahlen zeigen: 2015 gab es 64 Betten. Das ist weniger als die Hälfte der Untergrenze von 144 Betten. Die Obergrenze (234 Betten), die eine optimale Versorgung bietet, liegt sowieso völlig außer Reichweite. Und über die Jahre hat sich das Bild nicht gewandelt. So gab es 2018 weiterhin nur 64 Betten, während der Bedarf auf 151 Betten (Minimum) bis 246 Betten (Obergrenze) gestiegen ist. Anders formuliert: Die rot-grüne Stadtregierung hat (im untersuchten Zeitraum) nicht ein einziges Bett mehr eingerichtet – obwohl der Bedarf in der psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen weiter gestiegen ist. Und: Damit Kinder während des stationären Aufenthalts von Kinderpsychiatern begutachtet werden konnten, mussten die kranken Kinder längere Fahrten zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und kinderpsychiatrischen Einrichtungen auf sich nehmen.

Der KAV betonte, dass seit Ende der Prüfung die Anzahl der stationären Betten um 40 Prozent auf (insgesamt 79 Betten) aufgestockt wurde. Für eine Mindestversorgung fehlen allerdings noch weitere 72 Plätze, um das Ziel der Mindestversorgung für 2018 zu erreichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2020)