Avi Primor: "Die Juden und Radfahrer sind schuld"

Primor Juden Radfahrer sind
(c) Seifert

Der Präsident des "Israelischen Rates für Internationale Beziehungen" und frühere israelische Botschafter in Deutschland zerpflückt in seinem neuen Buch die gängigsten Vorurteile gegen Antisemiten. Ein "Presse"-Interview.

In Ihrem neuen Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld“ schreiben Sie über Ihre frühere Abneigung gegen Deutschland. Sie waren skeptisch, ob Israel mit dem Land, das den Juden so viel angetan hat, normale Beziehungen unterhalten kann. Bei Österreich war das nicht so. Warum?

Avi Primor: Wird einem Juden vorgeworfen: „An allem sind die Juden schuld!“, sagt er: „...und die Radfahrer“. Kommt die Frage: „Warum die Radfahrer?“, sagt der Jude: „Warum die Juden?“ So viel zum Titel des Buches, das ich mit der Journalistin Christiane von Korff geschrieben habe. Lassen Sie mich Ihre Frage mit einer Anekdote beantworten: 1954 unternahm ich gemeinsam mit Freunden zum ersten Mal eine Europareise. Nach Deutschland zu fahren wäre niemals infrage gekommen. Aber wir haben mit dem Auto Österreich bereist. Von Salzburg wollten wir eines Nachts weiter Richtung Innsbruck, und da nahmen wir den Weg über das Deutsche Eck. Wir waren vier Jungs, aber diese Fahrt über die deutsche Grenze war für uns ein Schrecken. Wir haben, solange wir auf deutschem Boden waren, kein Wort gesprochen. Wir hatten ein echtes Gefühl von Beklommenheit. Als wir wieder österreichischen Boden unter den Reifen hatten, haben wir richtig aufgeatmet. Dass Österreich ein Teil des Dritten Reiches war, ist uns gar nicht eingefallen. Wir sind damals alle damit aufgewachsen, dass Österreich das erste Opfer der Nazis war. Man hat damals von der Vergewaltigung Österreichs durch Nazideutschland gesprochen. Deshalb durfte man auch in Israel in den Fünfzigerjahren österreichische Filme zeigen, aber keine deutschen.

 

Wann ist man in Israel kritisch gegenüber Österreich geworden?

Erst viel später. Denn in Österreich hat man die Geschehnisse der Vergangenheit lange verschleiert. Das haben die Deutschen auch getan, aber irgendwann haben sie mit einer Gewissenserforschung begonnen, wie das in Österreich nicht der Fall war.

In Deutschland hat die Gewissenserforschung mit der Studentenbewegung der 1968er begonnen, als die jungen Leute damals ihre Eltern aufgefordert haben, über die Nazizeit Rechenschaft abzulegen. Was mich später sehr beeindruckt hat, war die deutsche Europapolitik. Anfangs habe ich geglaubt, das sei ein Trick, ein Lippenbekenntnis. Doch dann habe ich gemerkt, dass die Deutschen es wirklich ernst meinen mit Europa. Sie streben kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland an.

In Österreich hat sich der Umgang mit der Vergangenheit erst mit der Diskussion um Waldheim grundlegend geändert. Der Wendepunkt: die Rede von Bundeskanzler Vranitzky in Jerusalem.

 

Zuletzt warnte in Österreich die Kultusgemeinde davor, dass antisemitische Übergriffe nach der blutigen Erstürmung des türkischen Schiffs „Mavi Marmara“ durch die israelische Armee ansteigen könnten. In Europa gab es heftige Kritik am Vorgehen Israels, in Israel selbst wurden die Soldaten, die neun Gaza-Aktivisten erschossen haben, gefeiert.

Es gibt aber eine ganz beachtliche Minderheit in Israel, die die israelische Politik massiv kritisiert. Außerdem hat die Regierung eine massive Propagandakampagne, vor allem in den elektronischen Medien, geführt. Der entscheidende Punkt ist, dass die Belagerung von Gaza politisch gescheitert ist. Sie konnte weder die radikal-islamische Hamas-Regierung in Gaza untergraben, noch hat sie zur Befreiung des von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit geführt. Was allerdings erreicht wurde, ist, der Zivilbevölkerung von Gaza großen Schaden zuzufügen. Die Regierung von Benjamin Netanjahu musste jetzt auf Druck der USA einlenken und die Gaza-Blockade lockern. Die Regierung macht einen Fehler nach dem anderen: Die „Mavi Marmara“, der Libanon-Krieg 2006, der Gaza-Krieg 2008 bis 2009, der Umgang mit der UN-Goldstone-Untersuchung, in der Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg untersucht werden sollten, der Siedlungsbau in Ostjerusalem. Das alles hat dazu geführt, dass Israel immer weiter isoliert wird.

 

Wo ist eigentlich die rote Linie zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus?

Während der zweiten Intifada gab es eine israelische Propaganda, die sehr gut in der israelischen Bevölkerung angekommen ist. Die Israel-Kritik – vor allem aus Europa – sei von Antisemitismus inspiriert, hieß es. Natürlich gibt es Antisemiten. Und natürlich ist es für die echten Antisemiten sehr bequem zu behaupten, sie würden ja nur Kritik an Israel üben.

Aber für die meisten Kritiker der israelischen Politik hat das alles nichts mit Antisemitismus zu tun. Jetzt kann man natürlich behaupten, die Kritik an Israel sei nicht gerechtfertigt. Aber dann müssten sich die Leute mit den Kritikpunkten auseinandersetzen. Für Israels Politiker ist die Argumentation, Kritik an Israel sei Antisemitismus, sehr bequem. Unsere Politiker müssen erkennen: Man kann auch dann ein Freund Israels sein, wenn man Israel kritisiert. Freunde sind wichtig, denn von ihnen hört man ihre offene Meinung.

Eine Grenze darf man in der Kritik an Israel aber nie überschreiten: die Juden oder Israel mit den Nazis zu vergleichen. Das zeigt schon einen gewissen Hass.

Was halten Sie von diesem Argument der Kritiker Israels: „Die Juden müssten doch am besten wissen, wie schlimm es ist, wenn einem Volk Leid wiederfährt. Warum also gehen sie mit den Palästinensern so um?“

Wenn die Leute glauben, dass die Juden eine Moralinstanz sind, weil sie selbst gelitten haben und weil sie wissen, was es bedeutet, verfolgt zu sein, dann täuschen sie sich. Die Lehre, die man in Israel aus dem Holocaust gezogen hat, ist, dass wir uns nie wieder wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen wollen. Unsere Botschaft: Wir schlagen zurück. Und noch etwas: Staaten und Regierungen haben keine Werte, sondern Interessen. Das schlimmste Beispiel ist für mich, wie Israel mit dem Apartheid-Regime in Südafrika kooperiert hat. Da gab es überhaupt keine moralischen Bedenken. Wir sind eben keine moralische Instanz.

 

Sehen Sie einen Anstieg des Antisemitismus?

Nein. Wenn Sie heute jemanden fragen: „Würde es Sie stören, einen Juden als Nachbarn zu haben?“, dann sinkt die Zahl derer, die diese Frage bejahen.

 

Hat die Säkularisierung in Europa zu einem Sinken des Antisemitismus beigetragen?

Hätten Sie mir diese Frage vor 20 Jahren gestellt, ich hätte sie bejaht. Heute bin ich mir dessen nicht so sicher. Die Kirche hat sich sehr bemüht, Gewissenserforschung zu betreiben. In meinem Buch gehe ich übrigens der Behauptung nach, die Juden hätten Jesus ermordet. Ich erkläre darin, wie die Juden von den Frühchristen zum Sündenbock gemacht wurden. Anfänglich wollten die Apostel die Juden von ihrem neuen Glauben überzeugen. Als sie dann sahen, dass die Römer viel eher für das Christentum bereit waren, wurde aus dem römischen Statthalter Pontius Pilatus ein anständiger Mann.

Was halten Sie von positiven Vorurteilen gegenüber Juden, etwa dass sie tüchtiger, geschäftssinniger oder innovativer, kreativer seien?

Das hat mit ihren Lebensumständen zu tun. Angehörige einer Minderheit wollen sich beweisen. In den Schulen Europas waren die Juden gute Schüler. Und wer sind heute die besten Schüler an Israels Schulen? Die Christen. Die christliche Minderheit in Israel bringt heute die besten Schüler hervor. Und zur Behauptung, die Juden seien klüger, tüchtiger, geschäftssinniger: Obwohl es vielleicht schmeichelt, mag ich das nicht. Juden sind nicht schlechter und nicht besser als andere Leute. Wir sind wie alle anderen, und so möchte ich auch behandelt werden.

 

Wie steht man in Israel zu Juden, die in Europa, den USA oder sonst wo außerhalb Israels leben?

Wenn ein Jude außerhalb Israels geboren ist oder sich irgendwo niederlässt, dann muss es sich zum Land, dessen Staatsbürger er ist, bekennen. Doppelte Loyalität lehne ich ab. Jetzt kann man natürlich Österreicher sein, der mit Israel solidarisch ist. Aber: Verstehen Sie, wenn Juden in Frankreich mit der israelischen Flagge demonstrieren? Warum nicht mit französischer? Die Freunde der Palästinenser, die mit palästinensischen Flaggen demonstrieren, machen übrigens genau den gleichen Fehler.

 

Was ist eigentlich Ihr liebster israelischer Kulturexport?

Ich würde sagen, die israelische Literatur. Amos Oz oder David Grossmann– das sind auch in Wien bekannte Namen. Darauf können wir als kleines Land schon ein klein wenig stolz sein. Zweitens: Hochtechnologie. Die dritte Sache: Landwirtschaft.