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Porsche 356 Coupé vs. Cayenne Coupé

Im Schatten des Originals

Wir sehen: ein Coupé und die Behauptung eines
Wir sehen: ein Coupé und die Behauptung eines solchen. Schwarz macht nicht immer schlank.(c) Juergen Skarwan

Zwei Coupés, getrennt durch ihre gemeinsame Marke.

Um ein Haar wäre der Cayenne ein Bugatti geworden. Doch, wirklich: In der Entwicklungsphase von Porsches SUV-Premiere hatte der damalige Boss, Wendelin Wiedeking, die Namensrechte an Bugatti (oder eine Art Option darauf) gepachtet. Er war nicht sicher, ob die eigene Marke die richtige Plattform für ein solches Auto wäre (manche sind das bis heute nicht). Aber die Marktforschung deutete dann doch in die Porsche-Richtung und so wurde nichts aus dem Stuttgarter Bugatti (VW-Chef Ferdinand Piëch übernahm die Namensrechte von Porsche volé und ließ bald darauf mit dem Veyron das große Revival vom Stapel).

Dass aber ein solches Fahrzeugformat auf dem Markt gefragt sein würde, auch wenn es nicht ansatzweise mit Porsches Marken-DNA in Verbindung gebracht werden kann, damit hatte Wiedeking schon den richtigen Riecher bewiesen. Riskant war es allemal. Wäre Wiedeking nicht der gefeierte Sanierer gewesen, der die um 1990 herum so krisengebeutelte Marke wie ein Traktor aus dem Gatsch gezogen hatte und der auch entsprechend auftrat – eine Führungsfigur mit etwas weniger Selbst- und Sendungsbewusstsein hätte die Sache vielleicht gar nicht durchbekommen. Für das Projekt sprach freilich, dass man im großen Kibbuz vorging, mit der ganzen Konzern-Power von Volkswagen als Zugpferd, mit geteilten Entwicklungskosten und Rohkarossen, die in einem neuen Werk in Bratislava für VW Touareg, Audi Q7 (ebenfalls Premieren) und eben auch den Cayenne gefertigt würden.

Der Chef war nicht sicher, ob das Auto zur Marke passen würde.

Und genau so kam es – mögen auch die Gusseisernen, die Porsche-Fans alter Schule, heiß gelaufen sein angesichts des Sakrilegs, einen 2,3-Tonner mit dem Stuttgarter Rössle zu adeln.

Wiedekings Wetten auf den Cayenne gingen voll auf, wie kalkuliert vor allem in den USA, wo der Cayenne aus dem Stand den 911er überholte. Der rege Zuspruch auch in allen anderen Märkten hievte die Marke in neue, bislang ungeahnte Sphären und etablierte Porsche in China, wo man mit den Sportwagen nie viel anzufangen wusste. In dritter Generation hat die Baureihe, mittlerweile zur Gänze in Bratislava gefertigt und mit Bentleys Bentayga als neuem Plattform-Verwandten, nichts von ihrem Appeal eingebüßt: 2019 war das bislang stärkste Cayenne-Jahr in den USA, erstmals mehr als 19.000 Exemplare! Dem Auto nun auch eine neue Karosserievariante zur Seite zu stellen – da empfahl sich der Kniff mit dem Coupé, was schon bei BMW und Mercedes schön eingeschlagen ist.

Während der Cayenne ein neues Kapitel in der Porsche-Geschichte eröffnete, fing mit dem 356 die Saga überhaupt erst an. Marktforschung wurde für dieses Auto keine betrieben, stattdessen gab es das Bauchgefühl des Firmengründers Ferry Porsche oder vielmehr den hehren Wunsch, etwas auf die Räder zu stellen, das er anderswo leider nicht vorfand – ein Auto nach eigenem Gusto also, freilich eines, in dem das Genie seines alten Herren wohnte: Maßgeblich griffen Ferry und sein Team auf die Technik des Käfers zurück, bis hin zum Boxer-Vierzylinder, der für das allererste Exemplar des 356 noch in Mittellage eingebaut war.

Jene legendäre „Nummer eins", ein Einzelstück als Cabrio, mit Aluminiumkarosserie und schon in der ganzen betörenden Anmut des künftigen Klassikers, trug ein österreichisches Kennzeichen: K45-286, es war im Juni 1948 von der Kärntner Landesregierung zugewiesen worden. Gmünd war das Ausweichquartier von Ferry Porsches Ingenieurbüro gewesen, nicht viel mehr als ein paar Holzbaracken, aber doch viel gemütlicher als unter Baden-Württembergs Himmel, den in Kriegstagen wegen der Industrieanlagen speziell um Stuttgart herum besonders viele B-24-Bomber kreuzten.

Aus dem Verkauf von 500 Stück wurde bekanntlich nichts.

Eine komplett handgefertigte Auflage von 52 Stück, Coupé und Cabrio, entstand noch in Gmünd, da war der Motor schon ins Heck übersiedelt, um hinter den Sitzen etwas Gepäckraum zu schaffen. Und Ferry Porsche entschied, mit der Produktion aus der Abgeschiedenheit wieder nach Stuttgart zurückzukehren. Dem Gmünder Standort ist ein liebevoll betreutes, kleines Museum geblieben (es verhält sich zum heutigen Stuttgarter Museums-Prunkbau von den Dimensionen her ungefähr so wie der 356 zum Cayenne). Mit dem 356, im März 1949 am Genfer Autosalon dem staunenden Publikum präsentiert, fand das Porsche-Virus in die Welt: Aus dem Verkauf von 500 Stück, wie von Ferry Porsche kühn angepeilt, wurde bekanntlich nichts, schon 1951 waren es über 1300 gewesen. In harten Zeiten ein Beweis, dass die Welt Sportwagen braucht.

Modellpflege war quasi Teil der laufenden Produktion, was auch an unserem Fotomodell ersichtlich ist. Mit einem besonders schönen Klangbild arbeitet ein 1,5-Liter-Boxer im Heck, 55 PS stark, kunstvoll aus dem ursprünglichen VW-Motor (1,3 Liter, 34 PS) herausgeschlagen. Die Karosserie ist aus Stahlblech statt Alu und als 53er-Baujahr ist auch schon das Marken-Emblem an Bord – noch nicht vorn, wo der Cayenne es trägt, sondern einstweilen nur auf der Abdeckung der Lenkradnabe. Es wurde 1952 kreiert und ist ein Fantasie-Wappen, in dem die Farben Schwarz und Rot für das Bundesland und das steigende Pferd für die Dynamik der jungen Marke stehen. Dass man bei Ferrari zu etwa gleicher Zeit auf Ähnliches kam, ist allenfalls einer Wesensverwandtschaft der Akteure zuzuschreiben. Wenn wir schon bei Trivia sind – ganz profan die Herkunft der Typenbezeichnung: 356 war die gerade anstehende Projektnummer in Ferry Porsches Ingenieursbüro.

356 und 911 gaben sich Mitte der Sixties den Türgriff in die Hand, da war die Firma schon voll im Schwung, und es sollte ja erst richtig losgehen. Den Cayenne erlebte Ferry Porsche knapp nicht, er starb 1998.

(c) Juergen Skarwan

SUV mit langem Abgang

Auch Porsches Schlachtschiff gefällt sich neuerdings als Coupé: abfallende Dachlinie, ansteigende Preislinie. Geringer Verlust an Laderaum.

Name: Porsche Cayenne S Coupé
Preis: 128.776 Euro
Motor: V6-Zylinder-Turbo, 2894 ccm
Leistung: 440 PS
Antrieb: Allrad
Gewicht: 2125 kg
0–100 km/h: in 5,0 Sekunden
Vmax: 263 km/h
Verbrauch: 13,8 l/100 km im Test

(c) Juergen Skarwan

Wie es ihm gefiel

Der erste 356, ein Cabrio mit Alu-Karosserie, entstand 1948. Unser Exemplar ist ein 1953er mit dem ersten Motor-Update.

Name: Porsche 356 Coupé 1500
Preis: 12.700 DM (Neupreis 1953)
Motor: 4-Zylinder-Boxer, 1488 ccm
Leistung: 55 PS
Antrieb: Hinterrad
Gewicht: 810 kg
0–100 km/h: in 17,0 Sekunden
Vmax: 160 km/h
Verbrauch: Who cares?

("Die Presse - Fahrstil", Print-Ausgabe, 16.01.2020)