Blau, weiß, rot, grün, gelb: Im Wind flatternde Gebetsfahnen sind in Bhutan allgegenwärtig.
Roadtrip

Auf der Royal Enfield bis zum Himalaya

Sie beschleunigt wie ein angebundenes Yak und wird wenigstens nicht schneller, wenn man bremst: auf der Royal Enfield durch Bhutan.

Der Einzylinder tuckert vor sich hin. Abruptes Melken am Gasgriff ignoriert die Einspritzanlage mit buddhistischer Gelassenheit; wer ihn jedoch so gemütlich wie eine Gebetsmühle dreht, wird mit beschaulichem Vortrieb belohnt. Gut so: Eile und Hektik sind in Bhutan fehl am Platz, obwohl sich das in der Landessprache Druk Yul, Land des Donnerdrachens, genannte Königreich geradezu rasant verändert.

Bis vor einem halben Jahrhundert hatte sich kaum ein Fremder in die kleine, im östlichen Himalaya versteckte Erbmonarchie verirrt. Man hatte von der schwer zugänglichen Bergregion wohl gehört – vier Fünftel des Landes liegen über 2000 Meter –, doch in Ermangelung an Waren von hohem Wert und geeigneter Transportfähigkeit zeigte bereits die britische East India Company kein gesteigertes Interesse an eingehender Erkundung. Streitigkeiten mit benachbarten, mittlerweile in Indien aufgegangenen Reichen blieben lokale Scharmützel, aus denen sich das Empire (von der Besetzung der fruchtbaren Duar-Tiefebenen als Teeanbaugebiet abgesehen) bestmöglich heraushielt. Bis heute ist das in den Waden spürbar: Das flache Land gehört zu Indien, und unmittelbar hinter dem reich verzierten Grenztor in Phuentsholing geht es schon bergauf, dauerhaft.

Hoch die Füße: Belagwechsel aller Art nimmt die königliche Enfield mit dem Gemüt eines Traktors hin.
Hoch die Füße: Belagwechsel aller Art nimmt die königliche Enfield mit dem Gemüt eines Traktors hin.(c) Alexander Seger | www.seger.at

Elektrischer Strom, befestigte Straßen, öffentliche Schulen, Krankenhäuser, Telefon: vor einer Generation noch unbekannt. Die ersten Touristen kamen 1974 ins Land, Fernsehen wurde 1999 eingeführt. Man merkt: Das zwischen Indien und China eingezwickte Bhutan, flächenmäßig ein wenig größer als Nieder- und Oberösterreich, ist kein reiches Land – zumindest, wenn man industrienationale Maßstäbe anlegt. Darum konterte Jigme Singye Wangchuck, vierter Drachenkönig und Vater des aktuellen Regenten, eine Journalisten-Frage nach dem BIP des Landes spontan mit dem Staatsziels des Bruttonationalglücks (Gross National Happiness, GNH). Um den verfassungsgebenden Rechtskodex aus dem 18. Jahrhundert zu zitieren: „Wenn die Regierung kein Glück für ihr Volk schaffen kann, dann gibt es keinen Grund für die Existenz der Regierung."

Umweltschonendste Ressourcennutzung, die gerechte soziale und gesellschaftliche Entwicklung, Gleichberechtigung sowie der Erhalt der buddhistischen Kultur haben seither höchsten Stellenwert. Wirtschaftliche Interessen bleiben untergeordnet; hinsichtlich Nachhaltigkeit spielt das Drachenvolk in einer eigenen Liga: Zwei Drittel des Staatsgebietes sind dicht bewaldet, wodurch Bhutan CO2-neutral bilanzieren kann. Die Holzgewinnung wird streng kontrolliert, Brandrodung schwer bestraft, und seit 2004 steht auf der Agenda, ein nikotinfreies Land zu werden. Das Rauchen auf öffentlichen Plätzen ist in Bhutan untersagt, der Handel mit Tabak verboten und die Einfuhr für den Eigenbedarf mit hohen Zöllen belegt. Die seit Jahrhunderten beliebte Volksdroge ist vom Nikotinbann nicht betroffen: Unreife Kerne der Betelnusspalme werden klein gehackt, in mit gelöschtem Kalk bestrichene Blätter des Betelpfeffers gerollt und als Paket – Betelbissen genannt – gekaut. Wahnsinnig gesund ist das für Gebiss und Zahnfleisch natürlich nicht, Karzinome in Mundhöhle und Speiseröhre gelten als typische Langzeitfolge – auch nicht viel besser als Lungenkrebs.

Doch kein Straßenarbeiter kommt bei seiner beschwerlichen Arbeit ohne dicke Backe aus. Gebaut wird an vielen Stellen quer durchs Land. Der Nachholbedarf ist groß, hin und wieder bricht außerdem ein Stück bestehender Pfade weg oder wird bei einem Bergrutsch verschüttet. Sechs Gebirgstäler führen in Nord-Süd-Richtung aus dem ewigen Eis der Himalaya-Gipfel in die fruchtbare subtropische Ebene des indischen Bundesstaats Assam. Lediglich schmale Steige verbanden einst diese Täler, später in mühseliger Arbeit aus den steilen Bergflanken herausgeschlagene Wege. Deren Trassen werden nun zum East-West-Highway verbreitert: Ein zweispuriges, für zwei Lkw im Begegnungsverkehr ausreichend breites Asphaltband, meist schlicht „the road" genannt.

Ein Projekt, das durch Bhutans topographische Außergewöhnlichkeit keine kleine Aufgabe darstellt. Die Straße krallt sich an die dicht bewaldeten Berghänge und schlängelt sich entlang der Höhenschichtlinien durch alle abzweigenden Nebentäler. So staunen wir über die gewaltige Anlage des Dzong von Trongsa, die am Gegenhang, nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt, auf einem Bergvorsprung errichtet wurde – doch es liegt noch mehr als eine Stunde Fahrt vor uns, bevor wir die Klosterburg tatsächlich erreichen. Unser Roadtrip in Bhutan besteht aus gigantischen Umwegen wie in den norwegischen Fjorden, nur eben 2000 bis 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Magenempfindliche Bustouristen haben unterwegs vermutlich wenig zu lachen, für Motorradreisende ist die Fahrt quer durchs Land ein Hochamt: Wenn es länger als hundert Meter geradeaus geht, gilt das als Seltenheit.

Als Tourist wird man in Bhutan von Groß und Klein freundlich empfangen.
Als Tourist wird man in Bhutan von Groß und Klein freundlich empfangen.(c) Alexander Seger | www.seger.at

Auf den Pässen zwischen den Tälern – der höchste fast 4000 Meter – wurden Stupas und Chörten errichtet. Von deren Spitze sind unzählige bunte Gebetsfähnchen abgespannt, die im Wind flattern, sich so nach und nach auflösen und auf diesem Weg die Gebete in den Himmel tragen. Nach der traditionellen Farblehre verkörpert Blau den Himmel, Weiß die Luft, Rot das Feuer, Grün das Wasser und Gelb die Erde. Wir umrunden auf unserer Fahrt die Chörten, traditionell im Uhrzeigersinn.

Am Horizont zeichnen sich die schneebedeckten Spitzen der Siebentausender ab, über sie verläuft die Grenze zu Tibet. Irgendwo da hinten ragt auch der 7570 Meter messende Gangkhar Puensum auf. Er gilt als höchster unbestiegener Berg der Welt – und wird das wohl auch noch länger bleiben, denn Bhutan stellt aus religiösen Gründen keine Genehmigungen für Expeditionen über 6000 Meter aus. Den Göttern nicht zu nahe kommen!

Den Warentransport bewerkstelligen bunt bemalte Lkw: freundliche Wünsche, optimistische Ladungssicherung.
Den Warentransport bewerkstelligen bunt bemalte Lkw: freundliche Wünsche, optimistische Ladungssicherung.(c) Alexander Seger | www.seger.at

Am tiefen Talgrund macht sich derweil das Schmelzwasser der Gletscher auf seinen Weg zum Brahmaputra. Die gurgelnden Gebirgsbäche sammeln sich in reißenden Flüssen, die zu zähmen keine leichte Aufgabe ist. Entsprechendes Know-how kommt aus Ländern mit ähnlicher Topographie – aus Österreich und der Schweiz. Die Eidgenossen zeichnen für viele Drahtseilbrücken verantwortlich, die kleine Dörfer an das Straßennetz anbinden. Österreich hat sich als Land am Strome der Energiegewinnung gewidmet – Staudämme, die sich nach dem Muster der Kölnbreinsperre (Österreichs höchste Staumauer) aus der Zeit unseres Wirtschaftswunders dominant im Landschaftsbild manifestieren, kommen nicht in Frage. Daher speisen Laufkraftwerke das Stromnetz und mehren den Wohlstand des Landes, denn der Großteil der Elektrizität wird nach Indien und Bangladesch verkauft. Zweitwichtigster Devisenbringer ist der Tourismus. Ein Tag in Bhutan schlägt mit 250 US-Dollar zu Buche, Kost und Logis sowie Transport und Guide inbegriffen. Unbetreutes Reisen ist nicht vorgesehen, eine Limitierung der Gästezahl allerdings auch nicht – diese ergibt sich von selbst durch verfügbare Hotelzimmer und die Plätze in den Flugzeugen von und nach Paro, dem einzigen internationalen Flughafen des Königreichs.

Die Hauptstadt und Königsresidenz Thimphu hat zumindest einen Hubschrauberlandeplatz und einen Stützpunkt von Royal Enfield, den wir gern besuchen. Der Chefmechaniker lädt zum Buttertee, kaut bedächtig an seiner Betelnuss und erzählt mit Begeisterung von seinem Besuch in Mattighofen: Produktschulung bei KTM. Wer sich diese Art Motorräder leisten kann, will er uns nicht verraten – aber er lächelt und macht einen bedeutungsvollen Blick zum Portrait der Königsfamilie, das an der saubersten Wand der Werkstatt einen Ehrenplatz hat.

(c) Alexander Seger | www.seger.at

Original statt retro

Das Abgas des Motors entspricht Euro 4. Der Rest des Motorrads ist deutlich weniger modern, dafür aber auch relativ unkaputtbar.

Name: Royal Enfield Classic
Preis: 5899 Euro (in Österreich)
Motor: Einzylinder-Viertakt, 499ccm
Leistung: 27,2 PS bei 5250 U/min
Gewicht: 195 kg

("Die Presse - Fahrstil", Print-Ausgabe, 16.01.2020)