Erbfolgekrieg geht in die Verlängerung

BAYERN. CSU-Chef Edmund Stoiber überstand die Fraktionsklausur mit knapper Not. Er bleibt vorerst im Amt. Doch die Heckenschützen werden das Feuer nicht einstellen.

BERLIN/MÜNCHEN. Die politischen Nachrufe der Kommentatoren waren gedruckt, das Bayrische Fernsehen strahlte zu mitternächtlicher Geisterstunde einen Abgesang auf die Ära Stoiber aus. Doch über dem Kurhaus in Wildbad Kreuth stieg bei der CSU-Klausur weder weißer noch schwarzer Rauch auf, sondern allenfalls grauer.

Und dann erschien der Überlebenskünstler Edmund Stoiber vor der Reportermeute, angespannt, aber hoch konzentriert - und spulte sein Statement ab: Er danke den Abgeordneten für ihr Vertrauen und für die "absolute Rückendeckung". Er hatte seinen Plan durchgeboxt: Charmeoffensive an der Basis, Abklappern der Bezirke, vorgezogener Parteitag im September mit Votum über die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl im Herbst 2008. Nur ein Pyrrhussieg? Einige sehen jedenfalls lediglich eine Gnadenfrist oder gar eine "Galgenfrist".

Das Stahlbad der Krisensitzung hatte Stoibers Lebensgeister geweckt und auch seine politischen Reflexe. Manche schüttelten nur noch den Kopf, und doch rang ihnen der angezählte, in den Seilen taumelnde Ministerpräsident eine gewisse Achtung ab.

"A Mordssteher is er halt scho", raunte man sich an den Stammtischen in Rosenheim zu, der engeren Heimat Stoibers, bezeugte ein Gewährsmann. In Bayern kommt derlei Lob einem Adelsprädikat gleich - ähnlich wie dem Diktum über Franz Josef Strauß: "A Hund, a verreckter, is er scho."

Dabei hing das Schicksal des CSU-Chefs an diesem Dienstagabend an einem seidenen Faden. Die Gefechtslage war verwirrend. Von einem Patt war bald die Rede. Sitzungsteilnehmer sendeten permanent widersprüchliche SMS-Botschaften an die wartenden Berichterstatter draußen, die die Hanns-Seidel-Stiftung in Belagerungszustand nahmen.

Einmal hieß es: "Die Mehrheit will ihn loswerden" und "Gibt sich uneinsichtig". Dann wieder: "Völliges Chaos. Keiner blickt durch." Die Stoiber-Gegner meldeten sich beim "Welt"-Korrespondenten: "Keiner hat Arsch in der Hose." Und auch die Stoiber-Fans wurden nicht müde, ihren Edmund zu preisen: "Edi steht. Waigel steckt dahinter."

Stoibers Intimfeind, der frühere Bundesfinanzminister und CSU-Chef Theo Waigel, hat seit dem ungustiösen Machtkampf vor 13 Jahren noch eine Rechnung offen. "Die CSU steckt in der tiefsten Krise seit 1948", sagte er jetzt. Tatsächlich geht es wild durcheinander im Freistaat, und niemand - außer vielleicht Stoiber - macht sich die Hoffnung, dass die Führungsdiskussion mit dem Verdikt von Kreuth bereits zu Ende ist.

"Deckel drauf, dann ist Ruh. Herzlich grüßt die CSU", spöttelte der CSU-Bundespolitiker Peter Ramsauer. Führende CSU-Leute drängen weiter auf eine rasche Lösung und hoffen auf eine Einsicht Stoibers - vielleicht schon bei der nächsten Präsidiumssitzung am kommenden Montag.

Währenddessen hat sich der Kampflärm zwar ein wenig abgeschwächt, aber die Heckenschützen lauern auf ihre Chance. "Die Füchse kommen aus dem Wald", meint ein Jägersmann aus Oberbayern und schimpft über die "Franken-Mafia", den Stoiber-Gegnern der zweiten und dritten Garnitur aus Nürnberg und Fürth.

Ein CSU-Sympathisant analysiert: "Alles bricht auf." Die Rivalitäten zwischen den "Altbayern" (jenen aus Ober- und Niederbayern) und Franken, die Gegensätze zwischen dem sozialen und dem wirtschaftsfreundlichen Flügel kommen mit einem Mal zum Vorschein - Gegensätze, die die CSU-Strategen bisher in dem vermeintlichen Erfolgsmotto "Laptop und Lederhose" gebündelt glaubten.

Am Donnerstag dräut unterdessen ein Epilog des Schaukampfs um die Macht in München. In der Staatskanzlei empfängt Stoiber seine schärfste Kritikerin, die mit offenem Visier kämpft und die den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hat: Gabriele Pauli. Möglicherweise hätte er deren Dissertation aus dem Jahr 1987 studieren - und beherzigen sollen: "Polit-PR. Öffentlichkeitsarbeit politischer Parteien am Beispiel der CSU."

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