Schnellauswahl
Konflikte an Schulen

Prävention für die Mittelschulen

Jugendarbeit und Vereine sollen Schulen helfen, Konflikten vorzubeugen. Das Programm könnte größer ausgerollt werden.
Jugendarbeit und Vereine sollen Schulen helfen, Konflikten vorzubeugen. Das Programm könnte größer ausgerollt werden.Getty Images/EyeEm

Ein millionenschweres rot-grünes Programm will Schulen unterstützen. Unter anderem mit Mädchenworkshops, Lehrerfortbildung und mehr Angeboten für Eltern.

Wien. Am Enkplatz in Wien Simmering ist der Testosteronspiegel mitunter wohl hoch. Zwei Drittel der Mittelschüler am Standort, an dem zahlreiche Sprachen und Religionen vertreten sind, sind Burschen. Bei den Herausforderungen, die das mit sich bringt, soll die Schule nun stärker unterstützt werden – als einer von vorerst zehn Standorten, die an einem neuen, 1,2 Millionen Euro schweren Präventionsprogramm der Stadt teilnehmen.

Die rot-grüne Initiative – betitelt mit „Respekt: Gemeinsam stärker“ – zielt laut SPÖ-Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky auf die ganze Schule ab: auf Schüler, Lehrer und auch auf Eltern, die stärker ins Boot geholt werden sollen. „Wir wollen kein Blaming, sondern miteinander arbeiten“, sagte der Soziologe Kenan Güngör, der die Umsetzung des Programms begleitet. Was der Hintergrund für die Initiative ist, was an den Schulen passieren wird und wohin es gehen soll.

Der Hintergrund

Dass sich in vielen Schulen in der Hauptstadt kulturelle und sonstige Konflikte ballen, ist nichts Neues. Nachdem lange Zeit darüber lieber nicht gesprochen wurde, ist das Thema zuletzt stärker in den Fokus gerückt – angestoßen von Lehrerberichten über Gewalt und Kulturkonflikte. Vergangenes Schuljahr gab es in Wien 176 Anzeigen und 334 Suspendierungen, die meisten Fälle in den Mittelschulen. Inzwischen wurden eine Konflikthotline und neue Sozialarbeiterteams eingerichtet, die von manchen freilich immer noch als Tropfen auf den heißen Stein bezeichnet werden.

Die Schulen

Gestartet wird ab Februar mit fünf Schulen – in der Leopoldstadt, in Margareten, Meidling, Ottakring und eben Simmering. Im Herbst folgen fünf weitere Standorte, alles Mittelschulen. An diesen Schulen bestehe Handlungsbedarf – es seien aber nicht unbedingt die mit den allergrößten Herausforderungen in der Stadt, sondern Wiener Durchschnitt. Was an Mittelschulen freilich ohnehin bedeutet, dass oft einiges an Herausforderungen zusammenkommt – von Migration bis Armut, dazu kommen Jugendkulturthemen wie der Umgang mit sozialen Medien. Insgesamt sollen unterschiedlichste Punkte angegangen werden – von sozialen und kulturellen Spannungen über Rollenbilder und Diskriminierung bis hin zu Mobbing.

Die Umsetzung

Zusätzliches Personal im engeren Sinn bekommen die Schulen hier nicht, es gibt vielmehr eine Begleitung von außen, deren Maßnahmen jeweils über ein Jahr gehen. Konkret erhalten die Schulstandorte mit dem Programm – das vom Verein Wiener Jugendzentren umgesetzt wird – Unterstützung von externen Kooperationspartnern. Insgesamt sind 17 Vereine aus Bereichen wie Mädchen- und Burschenarbeit, Elternarbeit, Konfliktprävention oder Kultur eingebunden, darunter etwa der Antirassismusverein Zara, die Demokratiewerkstatt oder das Team Präsent für Gewaltprävention.

Die Maßnahmen

Die Maßnahmen sind für jede Schule unterschiedlich: Die Standorte wurden vorab befragt, wo der größte Bedarf ist. In der Mittelschule 1 am Enkplatz zum Beispiel ist das zentrale Thema Burschen und Mädchen, es soll auf Wunsch der Schüler einen eigenen Buben- und Mädchenraum geben, in dem die Jugendlichen Zeit verbringen können, unter anderem werden auch Workshops zur Selbstbestimmung von Mädchen, zur Rolle von Buben und zu Hass im Netz durchgeführt. Nachhaltig wirken sollen Fortbildungen für Lehrer, die von Konfliktbewältigung bis zu gewaltfreier Kommunikation reichen. Auch für Eltern, für die der Gang in die Schule wegen Sprachbarrieren und geringer Bildung schwierig ist, soll es dann weitere Angebote und Beratungsmöglichkeiten geben. „Die Elternarbeit ist noch eine Baustelle“, sagte Güngör.

Die Zukunft

Ziel der Sache ist eine verbesserte Schulkultur. Am Ende des Jahres soll an jeder Schule unter anderem ein eigenes Schulleitbild stehen. Bis Mitte 2021 werden die Maßnahmen evaluiert. Wenn sich das Programm bewährt hat, soll es innerhalb der Hauptstadt weiter ausgerollt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2020)