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25 Jahre FM4

Monika Eigensperger: „Natürlich gibt es Diskussionen bei FM4“

An den Reglern: Monika Eigensperger, Jahrgang 1959, FM4-Chefin seit 1999.
An den Reglern: Monika Eigensperger, Jahrgang 1959, FM4-Chefin seit 1999.APA/GEORG HOCHMUTH

Das ORF-Radio FM4 sendet seit 25 Jahren. Seine Leiterin, Monika Eigensperger, seit 2016 auch Direktorin aller ORF-Radios, erklärt, was diesen Sender ausmacht, was ihn von Ö3 unterscheidet und wie er mit Deutsch-Rap umgeht.

Die Freunde von Blue Danube Radio (BDR) hatten keine Freude vor 25 Jahren. Denn damals mussten sie sich damit abfinden, dass „ihr“ Sender sich fortan die Frequenz mit einem neuen ORF-Radioprogramm teilte: mit FM4, das etliche Formen, Inhalte und Mitarbeiter des allmählich zum „Hitradio“ umgestylten Ö3 übernahm. Fünf Jahre später übernahm FM4 die Frequenz ganz – und auch einige BDR-Moderatoren, die den Charakter von FM4 bis heute prägen. Denn dieser Sender wird noch heute bis 14 Uhr in englischer Sprache moderiert. Geleitet wird er seit 1999 von der Journalistin Monika Eigensperger. Sie ist seit 2016 auch Direktorin aller ORF-Radios.

Die Presse: Unter der VP/FP-Regierung musste FM4 davor zittern, eingespart zu werden. Sind diese Ängste überstanden?

Monika Eigensperger: Die Gerüchte, dass FM4 abgeschafft werden soll, sind so alt wie FM4 selbst. Immer, wenn sie aufschwappen, ist das nicht sehr angenehm für uns Radiomacher. Im neuen Regierungsprogramm wird FM4 dezidiert im Kulturteil erwähnt, mit dem Satz, dass der öffentlich-rechtliche Auftrag im Bereich Kultur zu stärken sei. Diesem Auftrag stellen wir uns sehr gern.

Welchen Kulturauftrag erfüllt denn FM4, den private Radios nicht erfüllen?

FM4 hat als einziger Sender in Österreich ein mehrheitlich fremdsprachiges Angebot, mit reicher internationaler Information. Zugleich engagiert sich FM4 stark für die Förderung neuer heimischer Popkultur und Musik. FM4 hat sogar schon vor Ö1 einen Literaturwettbewerb begründet, bei dem sich junge Literatinnen und Literaten präsentieren können. Apropos: FM4 hat schon zu gendern begonnen, als das überall noch für Irritationen gesorgt hat. Uns war es immer wichtig, dass Frauen nicht nur mitgemeint, sondern auch angesprochen werden. Ich glaube überhaupt, dass es keinen anderen Radiosender gibt, der so viel Wert auf Diversität legt – und auf Respekt vor allen Gruppen. Die Diskussion über Hate-Speech und Ausgrenzung war uns daher immer ein großes Anliegen.

Könnte es am „linken“ Ruf liegen, dass FPÖler sich so gegen FM4 wandten?

Das darf man nicht mich fragen. Diversität, Pluralität und Meinungsvielfalt sind im Gesetz als Auftrag an den ORF festgehalten. Und in unserer Radioflotte gibt es verschiedenste Angebote. Es ist auch zu respektieren, dass sich nicht jeder und jede dafür begeistert, dass wir englischsprachige Nachrichten bringen. Oder dass nicht jeder und jede an ausführlichen Sendungen zum Thema Klimawandel interessiert ist. Auch das wunderbare Ö1 wird nicht erreichen, dass alle eine Oper im Radio hören möchten.

Was würden Sie sagen, wenn man FM4 ein Ö1 der Popkultur nennen würde?

Da würde ich sagen: Why not? Aber FM4 unterscheidet sich natürlich von Ö1 auch in der Art, wie Themen angegangen werden.

Wie intellektuell darf denn ein FM4-Wortbeitrag werden?

Unser Ziel ist es schon, wichtige Themen allgemein verständlich zu behandeln. Ein kluges Programm zeichnet sich nicht unbedingt dadurch aus, besonders viele Fremdwörter aneinanderzureihen.

In einem Werbeslogan war von „FM4-Musik“ die Rede. Hat der Ausdruck noch seine Berechtigung?

Absolut. Entstanden ist dieser Slogan ja aus der Debatte: Wie fassen wir all unsere Musikstile zusammen? Indessen haben FM4-Hörer munter auf die Frage des Moderators, welche Musik sie sonst noch hören, gesagt: Na ja, FM4-Musik. Da haben wir akzeptiert: Das ist offenbar unser Label.

Wie streng ist die Grenze zu Ö3? Muss ein Song, der es auf Ö3 geschafft hat, aus der FM4-Playlist verschwinden?

Im Regelfall braucht es bei einem Sender, der eine sehr große Bevölkerungsgruppe erreicht, länger, bis sich ein Lied als massentauglich erweist. FM4 kann Songs schon spielen, wenn sie sehr aktuell sind.

Aber es geht doch nicht nur um unterschiedliche Aktualität?

Meist überschneidet sich das Repertoire ja nicht. Es kann aber vorkommen, dass ein Interpret, obwohl er absolut in der FM4-Welt zu Hause ist, einen Song hat, der zu einem so durchschlagenden Erfolg wird, dass er für Ö3 zum Thema wird. Etwa Moby, als er mit „Why Does My Heart Feel So Bad“ einen weltweiten Hit hatte. Wir hatten ihn schon davor für unser FM4-Geburtstagsfest engagiert und mussten dann zittern, ob er für die ausgemachte Gage auftritt . . .

Zynische Zungen sagen, dass FM4 das Radio für Kinder ist, die ihren Eltern gefallen wollen. Ist FM4 brav geworden?

Es ist immer gut, wenn junge Menschen uns entdecken. Aber es ist schon seltsam: Uns wurde so oft vorgeworfen, dass wir zu schlimm seien – und jetzt das?

In der FM4-Redaktion sind noch etliche Vertreter der ersten Generation stark präsent. Gibt es da Generationenkonflikte?

Es gibt so viele Klischees über FM4 und so viele Schubladen, dass man daraus einen ganzen Schrank zimmern kann. Natürlich gibt es Diskussionen in der FM4-Redaktion, aber sie laufen nicht entlang von Generationslinien. Eher von inhaltlichen Positionen. Und stets in respektvoller Atmosphäre.

Deutschsprachiger Hip-Hop kann ziemlich unkorrekt sein. Gibt es hier Grenzen, die nicht überschritten werden sollen?

Ja, die gibt es. Aber da wird immer über konkrete Stücke diskutiert und entschieden. Das Rundfunkgesetz macht ja klar, dass man verhetzende Äußerungen nicht senden darf. Die Frage ist halt dann: Was ist verhetzend? Was ist ironisch gemeint? Ist eine rassistische oder sexistische Aussage tatsächlich so gemeint oder soll sie nur der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten?

Am Nachmittag kommt mir die Musik auf FM4 manchmal etwas recht entspannt bis matt vor. Will FM4 da doch auch irgendwie Hintergrundradio sein?

Diese Wahrnehmung habe ich nicht.

Ich meine vor allem diese superglatten Sounds, die wie Ö3 in den Achtzigern klingen, nur weniger aufregend.

Natürlich hab auch ich bemerkt, dass es ein musikalisches Eighties-Revival gibt. Aber ich bekomme von Bekannten eher den Respons: Das klingt alles so anstrengend. Doch das ist natürlich sehr subjektiv: Für meine Ohren waren etwa AnnenMayKantereit, als wir sie dauernd gespielt hatten, eher anstrengend. Oder der Hit „Kaltes klares Wasser“: Er hat mich durch zwei Türen hindurch nervös gemacht.

In den FM4-Jahrescharts 2019 zähle ich 17 Titel aus Österreich unter den ersten 50. Eine beachtliche Quote. Braucht es viel Lenkung, um sie zu erzielen?

Zwang gibt es da keinen. Für FM4 war von Anfang an wichtig, dass wir österreichische Produktionen spielen und fördern. Wann immer ich mit deutschen Promotoren und Menschen aus Plattenfirmen rede, blicken sie mit großem Erstaunen auf die Vielfalt von Szenen und Talenten im kleinen Österreich. Das hat schon auch damit zu tun, dass diese Szenen eine Heimat bei FM4 haben.

Auch nach der Übersiedlung auf den Küniglberg, der nicht so schnell erreichbar ist wie das Funkhaus?

Sie kommen noch immer gern. Am Ende des Tages gilt: Home is where the heart is.

Geburtstagsfest: 18. Jänner in der Ottakringer Brauerei, mit Fiva, Mavie Phoenix, Lola Marsh u. a.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2020)