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Rabenhof-Theater

Liebe, Sex, Erlösung: Nina Proll weiß, wie's geht

Auftritt mit Aplomb: Nina Proll.
Auftritt mit Aplomb: Nina Proll.Rita Newman/Rabenhof
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Die Schauspielerin begeisterte mit der fulminanten Show „Kann denn Liebe Sünde sein?“.

Wer heute ein Programm „Kann denn Liebe Sünde sein?“ nennt und mit diesem Song von Zarah Leander eröffnet, muss sich fragen lassen, welche Botschaft damit versandt wird. Zarah Leander, Idol der Nationalsozialisten, positioniert gegen Marlene Dietrich oder Greta Garbo, wurde nach dem Krieg als „Nazi-Sirene“ geschmäht. Aber Nina Proll hatte vielleicht nur das verruchte Erscheinungsbild der Künstlerin im Kopf, von der sie allerdings recht weit entfernt ist. Und auch der Stil, in dem Proll den Song vorträgt, wirkt so selbstverständlich, dass das altmodische Flair dieses Liedes verfliegt.

Von den Ladies, die in letzter Zeit Solos vorstellten, „Alles für 'n Hugo“ von Katharina Straßer oder „Bulletproof“ von und mit Grischka Voss, wirkt die Proll-Kreation am meisten authentisch und wie aus einem Guss. Alles passt perfekt zusammen: Kleider, Haare, Choreografie, die bodenständige Koketterie, die Lieder, die Texte und das großartige kleine Orchester: Christian Frank (Klavier, Percussion), DeeLinde (Cello, Bass, Gesang) und Herb Berger (Klarinette, Saxofon) musizieren und sie spielen mit. Proll selbst beherrscht die sehr unterschiedlichen Stile der Nummern, ob „Sex Bomb“ von Tom Jones, „Single Ladies“ von Beyoncé oder „Bad Romance“ von Lady Gaga, das bei ihr weniger bombastisch klingt als das Original. Proll wählte viele Ohrwürmer. Über manches kann man streiten, etwa die allzu brav klingende Interpretation von Tina Turners „What's Love Got to Do With It“. Die Texte drehen sich leicht um schwere Themen wie Erbsünde, Sünde, Liebe, Erlösung, Verzeihung und Hass. Den hat Proll zu spüren bekommen, als sie etwa die #MeToo-Debatte als kollektives Jammern bezeichnete. Dass diese Frau sich selbst wehren kann, repräsentiert sie auf der Bühne. Viele andere können es nicht. Der Vorwurf, herzlos dahergeredet zu haben, der bleibt ihr.

Auch Bemerkungen über den Wahlverlust der SPÖ oder die Äußerung „Wenn dem Gudenus die schwarzen Fußnägel der Oligarchin aufgefallen wären, wären jetzt nicht die Grünen im Parlament“ gaben einigen bei der Premiere anwesenden SP-nahen Persönlichkeiten wohl Anlass zum Stirnrunzeln. „Rauchen Sie, trinken Sie und lassen Sie uns morgen bereuen“, sagt Proll einmal und zündet sich selbst eine Zigarette an.

 

Provokatorische Balanceakte

Sie wirkt überzeugt von ihren kleinen Provokationen, die Aufmerksamkeit verschaffen. Die Zuschauer belachten gelungene wie weniger gelungene Gags. Als so vitale wie traurige Pflanze vom „Nordrand“ Wiens ergriff Proll in Barbara Alberts Film das Publikum, zum „Vorstadt-Weib“ hat sie sich zuletzt gewandelt. Sie war aber auch einmal Klosterschülerin und kann anscheinend noch immer nicht widerstehen, mit dem Fuß aufzustampfen. Heute tut sie das mit gewinnendem Lächeln. Alles in allem: sehenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2020)