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Lokalkritik

Geschmacksfrage: Das Berger & Lohn

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Währing hat ein gutes neues Szene-Lokal, das natürlich keines ist. Und Wiener Schnitzel nach eigentümlichen Erfahrungen.

Kann man aus Hässlichkeit Schönheit zaubern? Mit einer toten Adresse zu einer angesagten werden? Nach einer öden, angeblich gutbürgerlichen Küche eine aufregende, dennoch neobürgerliche entwickeln? Aus einer privat und finanziell schwierigen Situation kreativ und mit freundlichen Unterstützern herauskommen? Geht. Horst Scheuer hat das geschafft. Von Anfang an: Der Mann, der in seinen alten Lokalen (Salzamt, Roxy und Skopik & Lohn) servierte, wie Humphrey Bogart rauchte, war nach Turbulenzen aus seinem Skopik ausgestiegen. Die Brasserie in der Leopoldstadt war (und ist noch) das erste Lokal der Karmelitermarkt-Bobos, denen die Bärte der Hipster zu wild sind, und sorgte mit der Kombination aus sehr guter Steak-Tatar-Wiener-Schnitzel-Küche, guter Musik und Otto-Zitko-Decke für volle Auslastung. „Humphrey" Scheuer übernahm den Bürgerhof nahe dem Gersthofer Schandfleck-Platz und trimmte das grauenhafte Lokal zum Skopik & Lohn für Währinger namens Berger & Lohn. Soll heißen, Brasserie-Tischkultur, Kunst von Tobias Pils, bald ein Zitko usw. Das Risiko war groß: Der Währinger scheint wie der Döblinger und der Hietzinger im Wohnbezirk nicht auswärts zu essen. Aber: Hier ist das Reservierungsbuch voll, manche Gäste scheinen das dazugehörige Wort „Stamm" ernst zu nehmen.

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Dahinter steckt wohl neben Scheuers Service vor allem die Küche, die wirklich punktet: Das Beef Tatar mit dem superwachsweichen Eidotter ist schlicht großartig. Die gebratene Brust vom Schwarzfederhuhn braucht gar keine Selleriecreme zum Hautschutz vor Trockenheit. Der fast im Püreestatus anmutende, dennoch bissfeste Karfiol mit Oliven und Kefir bringt Frische. Noch ein gewichtiges Wort zum Wiener Schnitzel, das in Wien neuerdings gern in Ballonpanier ­serviert wird: Hier hat es auch Blasen, das Schmalz lässt sich zum Glück nicht ganz leugnen, das Kalbfleisch ist nicht zu dünn und mürbe. Stimmt, das ist perfekt. Warum schreibe ich das? Zuletzt hatte ich besondere Wiener-Erfahrungen: In einem Tiroler „Grand"-Hotel verkaufte man mir ein Wettex mit Panier teuer als solches. In London hatte ich in einem Lieblingslokal, The Wolsley, neben einem wunderbaren Beef Tatar (Wachtelei!) ein überraschendes Schnitzel: Die Panier krosser, als sie sein sollte, meine Tochter vermutete Cornflakes. War aber nicht so, sondern sehr gut. Die Preiselbeermarmelade kam von der angelsächsischen Beerenvariante, bitterer und mit Riesenbeeren. Ab sofort schreibe ich an der Wiener-Schnitzel-Weltkarte.

Info

Berger & Lohn, Gentzgasse 127, 1180 Wien, Tel.: +43/(0)1/470 44 33, Restaurant: Di–Sa: 18-1 Uhr.

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("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 17.01.2020)