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Filmkritik

Kriegsdrama „1917“: Im Bummelzug durch den Schützengraben

Einfühlung in den Dauerstress von Fußsoldaten im Ersten Weltkrieg will „1917“ bieten und visuelle Einzigartigkeit – er ist in einer einzigen Einstellung gedreht: Und doch wirkt er enorm künstlich.
Einfühlung in den Dauerstress von Fußsoldaten im Ersten Weltkrieg will „1917“ bieten und visuelle Einzigartigkeit – er ist in einer einzigen Einstellung gedreht: Und doch wirkt er enorm künstlich.(c) Universal Pictures

Im oscarnominierten Actiondrama „1917“ zieht Bond-Regisseur Sam Mendes am Gängelband durch ein Panorama des Ersten Weltkriegs. Auf Schnitte wurde verzichtet – aber auch auf vieles andere, was einen guten Film ausmacht.

Krisen befeuern oft den Rückzug in die Regression, wie man derzeit im Kino beobachten kann. Weil es sich inmitten unendlichen Spaßangebots schwertut, zahlungswillige Kunden zu finden, greift es zu drastischen Werbemitteln. Genau wie dort, wo alles begann: auf dem Jahrmarkt. Da fanden nämlich die ersten Filmvorführungen statt. Um zu bestehen, musste Besonderes geboten werden: Kuriositäten, außergewöhnliche Erfahrungen, Spektakel der Sonderklasse. Ging das nicht, musste ein Gimmick her. So wie 3-D. Oder bewegliche Sitze.

Nicht nur die Renaissance solcher Attraktionen zeugt vom gesteigerten Konkurrenzdruck im Kinobetrieb. Auch die zunehmende Verschränkung von Filmen und Fahrgeschäften, die Regie-Altmeister Martin Scorsese unlängst monierte, erinnert daran. Seine Kritik galt Marvel-Kassenschlagern, passt aber besser zu Spezialeffekt-Safaris wie „Jumanji“ – oder zu Geisterbahnhorror wie „The Conjuring“. Wobei diese Blockbuster keinen Hehl aus ihrem Vergnügungsparkcharakter machen. Ihr Hauptanspruch besteht darin, das Publikum auf einen wilden Ritt zu schicken. Was aber ist mit Genres, die eine ernste Grundstimmung wahren müssen, um nicht pietätlos zu wirken?

 

„1917“ wirbt mit visueller Einzigartigkeit

Auch sie sind verstärkt auf Alleinstellungsmerkmale angewiesen. Ein aktuelles Beispiel ist das zehnfach oscarnominierte britische Kriegsdrama „1917“. Freilich sind Kriegsfilme seit jeher Spektakelschleudern. Ein altes Dilemma: Durchkreuzt sich nicht jeder Großbudget-Antikriegsfilm selbst, indem er trotz vordergründiger Friedensbotschaften zum Genuss bombastischer Gewaltexzesse einlädt? Jedenfalls werden Schauwerte in diesem Kontext ungern als Verkaufsargument ins Feld geführt – und wenn doch, dann stets unter „Realismus“-Vorzeichen.

„1917“ hingegen wirbt mit visueller Einzigartigkeit: Sein Trip durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs ist in einer Einstellung gedreht (oder tut so, als ob). Und Regisseur Sam Mendes, der schon im Bond-Film „Spectre“ mit ausgeklügelten Kamerachoreografien experimentierte, verspricht ungeahnte Einfühlung in den Dauerstress damaliger Fußsoldaten: eine Achterbahnfahrt als Gefühlsbildungsreise.

Dabei ist sein neuer Film gar nicht so actionversessen. Zwei Infanteristen sollen darin ein britisches Bataillon vor einem Hinterhalt warnen. Nach segnenden Spritzern aus der Schnapspulle des zynischen Vorgesetzten machen sie sich auf ins Niemandsland der Westfront – vorbei an ausgemergelten Pferdekadavern und Baumskeletten, durch Stacheldraht und Bombenkrater, immer der zitternden Nase nach. Es ist ein gemächlicher Wettlauf gegen die Zeit, der nur selten von Feindkontakt unterbrochen wird – und sich vor allem in einer Abfolge erhabener Landschaftspanoramen ergeht: Mal pittoresk (Kirschblütenhain), mal surreal (Kanonenhülsenhalde), mal apokalyptisch (Stadtruinen im Schein des Geschützfeuers). Der Symbolwert dieser Bilder (und einiger kurzer Begegnungen, darunter Gaststars wie Benedict Cumberbatch) ist stets offenkundig, akzentuiert von der souveränen Blickregie des Kameravirtuosen Roger Deakins.

 

Wozu der anmutige Kriegsparcours?

Doch was soll der anmutige Kriegsparcours? Das Geschehen erlangt kaum Intensität, wirkt trotz des vermeintlichen Echtzeit-Bonus enorm künstlich. Nicht nur aufgrund der schwerelosen Gleitbewegung der Daueraufnahme, die sich (mal mehr, mal weniger) versteckten Schnitten verdankt. Auch die Weltkriegsfarbfotos nachempfundene, beige-braune Farbpalette schmälert die angestrebte Unmittelbarkeit – von Digitaleffekten ganz zu schweigen. Wenn dann noch aufdringliche Spannungsmusik hinzukommt, wähnt man sich vollends in einem „Call of Duty“-Computerspiel. 2006 schleuste Alfonso Cuarón in seinem Sci-Fi-Thriller „Children of Men“ weit wirkungsvoller durch vergleichbare Pathos- und Suspense-Kanäle. Wirkliche Wucht entwickelt „1917“ erst gegen Ende, als einer der Gefreiten im Zielsprint durch eine Angriffswelle lavieren muss. Davor scheint der Film vor allem an seiner technischen Leistung interessiert, in der er regelrecht schwelgt. Über den Ersten Weltkrieg erfährt man so gut wie nichts.

Worüber dann? Als Inspiration nennt der Regisseur einen Kriegserfahrungsbericht seines Schriftsteller-Großvaters Alfred Mendes. Vielleicht geht es ja um eine „menschliche“ Geschichte, das heimliche Gewicht individuellen Heldenmuts im gnadenlosen Strom der Ereignisse. Das bewusst zurückgenommene Finale spricht dafür, ebenso wie die Besetzung der zwei Hauptfiguren mit kaum bekannten Nebendarstellern (George MacKay, Dean-Charles Chapman), deren rotwangige Milchgesichter vor Unschuld strahlen. Doch man fühlt nur auf Sparflamme mit: Viel zu stark drängt sich inszenatorisches Beiwerk vor. „1917“ bleibt letztlich eine Jahrmarktsattraktion – irgendwo zwischen Hochschaubahn und Bummelzug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2020)