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Handball

Die Leere nach dem Fehlwurf

„Wir haben nicht das Niveau erreicht, das wir erreichen wollten“: Ratlosigkeit beim dänischen Superstar Mikkel Hansen.
„Wir haben nicht das Niveau erreicht, das wir erreichen wollten“: Ratlosigkeit beim dänischen Superstar Mikkel Hansen.(c) imago images/Ritzau Scanpix (Liselotte Sabroe via www.imago-i)

Das Favoritensterben bei der EM ist perfekt: Nach Frankreich hat sich auch Weltmeister Dänemark in der Vorrunde verabschiedet. Die Revanche haben beide Großmächte schon im Blick.

Malmö. Der Weltmeister ist raus, bevor die EM überhaupt ernsthaft angefangen hat. Diesen ernüchternden Befund stellte der dänische Sender TV2, der die EM-Spiele des Titelfavoriten um Superstar Mikkel Hansen übertragen hatte. Dänemarks frühzeitiges Aus in der Vorrunde, noch dazu in Malmö, also quasi vor Heimpublikum, ist für das Land des Weltmeisters und Olympiasiegers ein besonders bitterer Moment. „Vom WM-Triumph zum totalen EM-Fiasko“, schrieb die Zeitung „Berlingske“.

Der große Gold-Favorit für die EM in Norwegen, Schweden und Österreich war in Gruppe F nur Dritter geworden, die Auftaktpartie gegen Island ging verloren (30:31), gegen Ungarn reichte es nur zu einem Remis (24:24), der 31:28-Sieg zum Abschluss über Russland war nicht mehr von Bedeutung. „Als Team haben die letzten fünf bis zehn Prozent gefehlt, darauf hätte ich schauen müssen. Das ist meine Verantwortung“, sagte Coach Nikolaj Jacobsen und stellte sich vor sein Team. „Es ist klar: Wenn man rausfliegt, dann habe ich meine Arbeit nicht gut genug gemacht.“

Tatsächlich ist es das erste Mal im aktuellen EM-Modus, dass ein Weltmeister in der Vorrunde ausscheidet. Offiziell schließt Dänemark die EM auf Platz 13 ab, niemals stand ein dänisches Team bei der Euro schlechter da, abgesehen von 1998 – damals hatte sich das Land nicht qualifiziert.

 

Kein Turnier der Stars

Angesichts einer Armada an Topspielern kam das Aus völlig unerwartet. Aber Leistungsträger wie Rasmus Lauge oder Hansen kamen kaum in Fahrt. Es fehlte an Durchschlagskraft und Ideen, mangelte hingegen nicht an vermeidbaren individuellen Fehlern. „Das ist nie das Turnier der Stars gewesen“, schrieb „Jyllands-Posten“. Torwart Jannick Green rang um die richtigen Worte. „Das ist so surreal. Enorm enttäuschend, eine enorme Leere.“

Diese Leere konnte man den Mienen der Dänen schon vor dem letzten Spiel ansehen. In Malmö erlebten sie live mit, wie das bereits für die Hauptrunde qualifizierte Island immer wieder an Ungarns Keeper Roland Mikler scheiterte und in der zweiten Hälfte völlig unterging. Durch die 18:24-Niederlage der Isländer war das dänische Aus schon vor dem Anpfiff gegen Russland besiegelt.

Die Abschiedsvorstellung brachten die Dänen dann anständig über die Bühne. „Das Spiel war wichtig für unsere Selbstachtung“, sagte Hansen. Auch Abwehrchef Henrik Möllgaard sah ein wichtiges Signal: „Das war nicht das lustigste Spiel der Welt, aber wir haben uns herausgekämpft, der harte Kampf, um zurück an die Spitze zu kommen, hat hier begonnen.“

Bis zu den Olympischen Spielen im Sommer muss Trainer Jacobsen herausfinden, an welchen Stellschrauben er drehen muss. Zunächst ist die Verarbeitung der EM-Pleite angesagt. „Es wird einige Zeit dauern, sich zu erholen“, sagte er. „Für die Spieler geht das Leben schnell weiter. Ich darf nur auf eine weiße Wand starren und meinen Kopf dagegen schlagen.“

 

Frankreichs Erdbeben

Ebenfalls bei Olympia in Tokio plant Frankreich eine Revanche. Schon vor den Dänen hat sich mit den Franzosen der zweite große EM-Favorit ebenfalls in der Vorrunde verabschiedet. Superstar Nikola Karabatić blickte bereits voraus: „Was machen wir mit dieser gescheiterten Euro, und was können wir daraus lernen?“ fragte er. Eine Antwort hatte der dreifache Welthandballer zunächst nicht. Stattdessen stellt sich eine weitere Frage: War das nun das Ende von Frankreichs goldener Handball-Generation? „Le Parisien“ sprach von einem „Erdbeben“, „L'Equipe“ meinte: „Das ist ein Ohrfeige.“

Nicht zu übersehen war bei dieser EM, dass der 35-jährige Karabatić und seine Mitstreiter Luc Abalo, 35, Michaël Guigou, 37, oder Cédric Sorhaindo, 35, die gemeinsam eine Ära prägten, in die Jahre gekommen sind. Andere Spieler dieser großen Generation wie Daniel Narcisse oder Keeper Thierry Omeyer haben ihre Karrieren schon beendet. Und Top-Talente wie Elohim Prandi, 21, oder Romain Lagarde, 22, können die Lücken noch nicht füllen. „Nach dem Desaster haben die Blauen drei Monate Zeit, um alles zu ändern“, schrieb „Le Parisien“. Dann steht das Qualifikationsturnier für Olympia 2020 an. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2020)