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Gastkommentar

Männer, die zölibatäre Männer wollen

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ROLAND SCHLAGER / APA / pictured

Benedikt XVI. hat vielleicht ein Coming-out gemacht: Was die Täuschung rund um das Zölibatsbuch zu bedeuten hat.

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Es ist die Geschichte eines großen Knüllers, der als Posse endet, eines Komplotts durch Kardinal Robert Sarah gegen Papst Franziskus und der Manipulierung eines alten, ein wenig senilen und fast blinden Manns, Benedikts XVI. Einer internen Quelle im Verlag Fayard zufolge wurde keinerlei Vertrag zwischen dem Verleger und Benedikt XVI. unterzeichnet. Auch die Libreria Editrice Vaticana (LEV), die als Einzige imstande ist, die Veröffentlichung von Büchern des Papsts in die Wege zu leiten, hat demnach den Vertrag nicht bestätigt.

Was hat die verlegerische Täuschung zu bedeuten? Zunächst illustriert sie aufs Neue den Krieg, den die „Ratzingerianer“ gegen Papst Franziskus führen. Am Steuer steht der extrem rechte Kardinal und in Ungnade gefallene Präfekt im Vatikan Robert Sarah. Er verteidigt ultrakonservative Positionen, die oft misogyn und feindselig gegenüber Migranten und Homosexuellen sind (in einer berüchtigten Rede verglich er die Homosexuellen mit dem IS). Schon der Verkauf seiner früheren Bücher wurde künstlich aufgebläht: mit Großeinkäufen durch konservative US-amerikanische Stiftungen.

Verlag benutzte den Papst

Zudem bedeutet die Affäre einen verlegerischen Skandal in Frankreich. Mit großer Unbekümmertheit hat der Verlag Fayard den Namen des Papsts zu politischen und kommerziellen Zwecken benutzt. Bereits vor einigen Monaten ist derselbe Verlag angeprangert worden, weil er das Buch eines rechtsextremen Politikers veröffentlicht hat (Martel meint den EU-kritischen Politiker und zweimaligen französischen Präsidentschaftskandidaten Philippe de Villiers, Anm. d. Red.) – ein Buch, dem in den Medien vorgeworfen wurde, Verschwörungstheorien zu verbreiten und Plagiate zu enthalten.

Drittens schließlich bestätigt die Polemik, die das Buch „Aus den Tiefen unserer Herzen“ hervorgerufen hat, dass die Debatte über den Priesterzölibat endlich in Gang ist. Wenn Kardinal Sarah sich so heftig in den Kampf wirft – mit der realen oder imaginären Komplizenschaft von Benedikt XVI. –, dann weil er weiß, dass das Ende des Priesterzölibats nahe ist.

Dabei geht es nicht mehr um eine moralische oder theologische Debatte; die Frage ist zu einer demografischen geworden. In Frankreich etwa sterben jedes Jahr 800 Priester, nur rund 50 neue dagegen werden geweiht. Heterosexuelle Seminaristen brechen oft ihre Ausbildung ab. In zehn Jahren wird es kaum noch Priester in Europa geben, niemanden mehr für Taufen, Hochzeiten, Begräbnisse. Besser verheiratete Priester als gar keine.

Außerdem gibt es bereits viele verheiratete katholische Priester: bei den Anglikanern, die sich unter Benedikt XVI. der katholischen Kirche angeschlossen haben, sowie unter den Christen der Ostkirche, die zu Rom gehören – sie fördern die Weihe verheirateter Priester. Schließlich zeigen alle einschlägigen Studien, dass sowohl in Afrika als auch in Lateinamerika eine beträchtliche Anzahl an Priestern in den Dörfern in Konkubinat mit einer Frau lebt, etwa in Bolivien, Peru oder Guinea. Der sexuelle Missbrauch in der Kirche, der mittlerweile Zehntausende Priester und Hunderttausende Opfer in allen Ländern der Welt betrifft, demonstriert das endgültige Scheitern des Priesterzölibats.

Prälaten wie Sarah sind die wahren Totengräber der Kirche. In meinem Buch „Sodom“ habe ich gezeigt, dass in Wahrheit jene Prälaten, die sich am heftigsten dagegen wehren, dass Priester heiraten und Frauen Priesterinnen werden dürfen, oft homosexuell oder homophil sind, misogyn durch ihre Natur und homophob aus Kalkül. Sie wollen unter zölibatären Männern bleiben! Was Benedikt XVI. betrifft, so hat er vielleicht soeben, unfreiwillig, ein echtes Coming-out gemacht!

(Übersetzt von Anne-Catherine Simon)

Der Autor

Frédéric Martel, geb. 1967, ist Journalist und Autor. 2019 erschien „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“ (Fischer Verlag, im Original „Sodoma“).

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2020)