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Biografieforschung

Den roten Faden in unserem Leben gibt's nicht

„Wir tendieren dazu, kausale Zusammenhänge herzustellen, die das Leben so gar nicht bietet“, sagt der Literaturwissenschaftler und Biografieforscher Stefan Krammer.
„Wir tendieren dazu, kausale Zusammenhänge herzustellen, die das Leben so gar nicht bietet“, sagt der Literaturwissenschaftler und Biografieforscher Stefan Krammer.(c) imago/Westend61 (Giorgio Fochesato)
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Was unterscheidet Erleben von Erzählen? Und wie werden Persönlichkeiten aus Kunst und Politik in Biografien inszeniert? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein neuer Forschungsverbund an der Uni Wien.

Mit dem Etikett einer „Dichterin der Güte“ verbannte die Literaturgeschichte Marie von Ebner-Eschenbach auf einen undankbaren Platz. Die einst mit Gottfried Keller und Theodor Fontane gefeierte Autorin war lange Zeit als harmlose Erzählerin in Erinnerung. Erst eine zum hundertsten Todestag der Schriftstellerin erschienene neue Biografie („Berühmt sein ist nichts“, Daniela Strigl, Residenz Verlag) änderte das.

„Aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive ist es spannend, wie aus einem erlebten Leben ein erzähltes wird“, sagt Stefan Krammer vom Institut für Germanistik der Universität Wien. Er ist Leiter des neu eingerichteten Forschungsverbunds „Geschichte und Theorie der Biographie“, der aus einem Ludwig-Boltzmann-Institut und dem „Netzwerk Biographieforschung“ der Uni entstanden ist. „Uns interessieren Handlungslogiken, Perspektiven und Rhetorik, aber auch die Frage danach, was für biografische Erzählungen überhaupt ausgewählt wird. Durch die Auswahl erzeuge ich eine Fiktion.“ Immerhin könne man Dinge verschweigen oder besonders hervorheben. Das prägt nicht zuletzt die öffentliche Wahrnehmung von Künstlerinnen und Künstlern. Die Strigl-Biografie, die erste seit 1920, führte etwa zu einer Neubewertung Ebner-Eschenbachs: Die Literaturwissenschaftlerin zeigte darin die Vielfältigkeit der Dichterin und insbesondere ihren Einsatz bei emanzipatorischen Themen sowie ihr Auftreten gegen Antisemitismus.

„Wir tendieren dazu, Lebenszusammenhänge herzustellen, also Logiken, die das Leben so gar nicht bietet, im Erzählen aber sinnstiftend wirken“, sagt Krammer. Das habe auch viel mit Fragen von Identitätsbildung zu tun. Erst seit dem Aufkommen poststrukturalistischer Perspektiven auch in der Literaturwissenschaft wird die Existenz kohärenter Lebensgeschichten hinterfragt.

 

Identität ist brüchig

Dabei geht es nicht nur um Brüche zwischen Fiktionalitäten und Realitäten, sondern auch um Inszenierungspraktiken und die Rolle von Bildern. Krammer nennt als Beispiele Frauenbiografien und Fluchtgeschichten sowie die zunehmend an Beliebtheit gewinnenden Filmbiografien, sogenannte Biopics wie z. B. „Bohemian Rhapsody“ (Freddie Mercury) oder „Rocketman“ (Elton John), die im Aufbau sehr ähnlich gestrickt sind. „Es ist eine Fiktion, dass alles in gleicher Weise abläuft.“ Dieser Aspekt mache die Zusammenarbeit mit Historikerinnen und Historikern reizvoll. Aber auch Vertreterinnen und Vertreter aus Soziologie, Bildungswissenschaft, Politikwissenschaft und Psychologie sind Teil des Netzwerks. Derzeit laufen im Rahmen des Forschungsverbunds fünf Projekte: jeweils eines über Barbara Frischmuth, Richard Beer-Hofmann und Max Brod, eines zum Thema Biografie und politische Kultur sowie eines zur Theorie der Biografie.

Krammer selbst interessiert sich außerdem für das online inszenierte Leben: „Formen der Selbstrepräsentation im Internet hängen mit Fragen autobiografischen Schreibens zusammen.“ Autobiografisches Erzählen – sei es auf Facebook oder in Büchern – folgt bestimmten fiktionalen Mustern und Inszenierungspraktiken, wie der Literaturwissenschaftler betont: „Es ist eine Differenz zwischen Erlebtem und Erzähltem.“ Eine Differenz, die jeder kennt, der eine Anekdote mehrfach erzählt – in den meisten Fällen wird sie jedes Mal besser. [ Foto: Barbara Mair ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2020)