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Emotionen in der Politik

An der Politikwissenschaft fasziniert Tobias Boos, dass die Gesellschaft so komplex und unvorhersehbar ist. „Da wird einem nie langweilig.“
An der Politikwissenschaft fasziniert Tobias Boos, dass die Gesellschaft so komplex und unvorhersehbar ist. „Da wird einem nie langweilig.“(c) Clemens Fabry
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Lateinamerika-Experte Tobias Boos erforscht, wie Klasse, Geschlecht oder ethnische Herkunft die politische Haltung prägen und welche Mechanismen Populismus stützen.

Für einen Hobbykoch wie Tobias Boos haben Forschungsreisen nicht zuletzt den Vorteil, dass er in der Freizeit über prächtige Märkte bummeln und dort die tollsten Zutaten entdecken kann. In Quito (Ecuador), London (Großbritannien), Madrid (Spanien) oder Buenos Aires (Argentinien) zum Beispiel, seinen Stationen der vergangenen zwei Jahre. Boos ist Postdoc am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschung ist an der Schnittstelle von Politikwissenschaft, politischer Ökonomie und politischer Soziologie angesiedelt. „Herumzuschlendern und fremde Eindrücke zu genießen ist natürlich ein schöner Ausgleich“, meint er und setzt fast entschuldigend hinzu: „Ganz kann ich den Kopf dabei aber trotzdem nie freikriegen, denn der Forscherradar läuft immer mit.“

Diesen hat er vor allem auf Lateinamerika ausgerichtet. Der Kölner hat an der Uni Wien Politikwissenschaft und internationale Entwicklung studiert, im Zuge wiederholter Studienaufenthalte an der Uni von Buenos Aires verschlug es ihn 2011 an das dortige Institut für Soziologie. „Damals war es mir nicht bewusst, aber das hat wohl den Keim zu meiner heutigen Forschung über die populistischen Regierungen Argentiniens und angrenzender Länder gelegt.“ Mittlerweile sei der Begriff Populismus in aller Munde, doch als er 2007 zu studieren begann, habe das Thema in Europa die wenigsten interessiert. „In Lateinamerika hingegen reicht die Debatte bis in die 1940er-Jahre zurück.“

 

Populismus der Mitte

Im Vorjahr dissertierte er über das komplexe Verhältnis zwischen der argentinischen Mittelklasse und dem Erfolg des linkspopulistischen „Kirchnerismo“, der Ära des peronistischen Präsidenten Néstor Kirchner und seiner Frau und Nachfolgerin, Cristina Fernández de Kirchner, von 2003 bis 2015. „Man nimmt oft automatisch an, dass die Mittelklasse Werte wie Gleichheit, politische Mäßigung oder die uneigennützige Unterstützung fortschrittlicher Projekte hochhält und darum eine demokratisierende Kraft ist“, sagt Boos. „Wenn man sich deren Motive aber näher ansieht, gerät dieses Bild ins Wanken.“ In den Amtszeiten der Kirchners beispielsweise habe diese Schicht wirtschaftlich stark profitiert, etwa durch Verbesserungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Sie habe also aus guten Gründen – und überaus eifrig – die beiden ebenso schillernden wie umstrittenen Peronisten unterstützt.

„Andererseits hat die urbane Mittelklasse auch beim Sturz des Linkspopulisten Evo Morales vor wenigen Wochen in Bolivien eine wichtige Rolle gespielt“, berichtet der 34-Jährige. Gerade ist er aus Buenos Aires zurück, wo er als Gastforscher am universitären Centro Maria Sibylla Merian die Mittelschichten Argentiniens und Boliviens verglichen hat. „In gewisser Weise wurden wir in diesem Projekt von der Realität überholt.“

Boos' Dissertation wurde im November mit dem Sowi.Doc-Award der Wiener Fakultät für Sozialwissenschaften ausgezeichnet. Für ihn sei Populismusforschung spannend, weil sie neben sozialwissenschaftlichen Themen wie der Bedeutung von Emotionen in der Politik auch klassische Kernfragen der Politikwissenschaft berühre. „Etwa wer oder was eigentlich die politische Gemeinschaft ist und worüber diese entscheiden soll.“ Besonders interessiere ihn, „entlang welcher Linien sich die Gesellschaft strukturiert und wie sich die Position einer Gruppe, abhängig von Klasse, Ethnizität oder Geschlecht, auf ihre politische Haltung auswirkt“. Die Komplexität und Unvorhersehbarkeit der Gesellschaft sorge zudem oft für Überraschungen. „Wer hätte vor einem Jahr die Aufstände in Chile oder Ecuador vorhergesehen?“

Der Blick in andere Gesellschaften schärfe auch das Verständnis hiesiger politischer Prozesse. „Aus populismustheoretischer Perspektive lässt sich gut analysieren, wie gezielt die FPÖ oder die Türkisen mit Emotionen arbeiten.“ Und mit der Frage der politischen Partizipation sei er sogar persönlich konfrontiert. „Ich lebe seit über zwölf Jahren in Wien, werde hier aber nie wahlberechtigt sein.“ Mangelnde Teilhabe entfremde jedoch viele von der Politik. „Das ist ein demokratiepolitisches Problem.“

ZUR PERSON

Tobias Boos (34) studierte Politikwissenschaft und internationale Entwicklung in Wien. Er erforscht Populismusphänomene am Beispiel lateinamerikanischer Regierungen. 2019 dissertierte er mit einer Arbeit zur Rolle der Mittelklasse für die linkspopulistischen Kirchner-Regierungen in Argentinien und erhielt dafür den Sowi.Doc-Award der Fakultät für Sozialwissenschaften der Uni Wien.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2020)