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Schabernack, Loriot und Karl Kraus

Das Klangforum Wien unterhielt mit Steven Takasugis musikkomödiantischer „Sideshow“.

Wie da sieben Musikerinnen und Musiker, alle in Anzug und Krawatte, in einer Reihe aufgefädelt saßen (nur das Klavier war sozusagen in zweiter Spur geparkt) und über ihre Pulte hinweg ins Publikum starrten, bis das ohne Dirigenten ablaufende Stück endlich begann – das hatte etwas von einem stillen Warten auf Godot und provozierte den ersten Lacher. Und dann natürlich der breit grinsende Gitarrist mit seinen halb erstickt hervorgestoßenen „Ha!“-Silben . . .

Sideshows: Das waren Schaubuden, die einst im Schlepptau wandernder Zirkustruppen über die amerikanischen Dörfer zogen und die Ahs und Ohs der staunenden Besucher ernteten. Tingeltangel, das auch die Schaulüste nach „Freaks“ befriedigte. Das Horrorgenre macht bis heute Gebrauch von den damit verbundenen Schicksalen und Erinnerungen. Der 1960 geborene US-Komponist Steven Kazuo Takasugi bevorzugt freilich eine freundlichere, betont humorvolle Auslegung des Begriffs: Seine musikalische „Sideshow“ für verstärktes Oktett und Zuspielung basiert kurioserweise – und insofern ganz dem bizarren Genre entsprechend – auf Aphorismen von Karl Kraus. Und dass sich die dafür gewählten sechs Sentenzen auf fünf musikalische Sätze aufteilen, reiht sich ins Schräge ein.

 

Kann man auch die Geige blasen?

Dem großartigen Alex Lipowski als Gast vom New Yorker Talea Ensemble fiel dabei eine zentrale Rolle zu: Er war der vermeintliche Gitarrist, der sich im Umgang mit dem Instrument freilich als Schlagzeuger entpuppte oder an ihm mit einem Geigenbogen sägte. Von ihm angeführt, zeigten auch die Mitglieder des Klangforum Wien enormes Komödientalent in diesem doppelbödigen Spiel mit Hörerwartungen und absichtlichen (In-)Kongruenzen zwischen Zuspielklängen und Live-Aktionen. Es wird gestampft und grimassiert, hier prasseln Tonkaskaden, dort wird der Loriot'schen Frage nachgegangen, was denn passierte, wenn ein Trompeter einmal in eine Geige bliese . . .

Und doch zerfiel das einstündige Sammelsurium nicht, sondern fesselte durch seine hintersinnige Verquickung von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Das Publikum ließ nicht bloß währenddessen vergnügte Ahs und Ohs sowie Lacher hören, sondern spendete zuletzt auch begeisterte Bravo-Rufe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2020)