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Am Herd

Venedig im Jänner

(c) www.imago-images.de (Sven-Sebastian Sajak)
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Die Touristen sind abgereist, die Lokale geschlossen, wer im Fremdenverkehr arbeitet, macht jetzt Urlaub. Zurück bleiben die Kinder, die Alten, die Hunde. Und San Marco, natürlich.

Wer nach Venedig fährt, der nehme den Zug. Der presse kurz vor der Ankunft die Nase ans Fenster: Aus dem trüben Wasser der Lagune, unter einem endlosen Himmel, tauchen die Fassaden von Cannaregio auf. Der trete wenig später aus der Bahnhofhalle hinaus auf den Kanal und mache sich gefasst: Auf diese maßlose Schönheit, mit der Venedig einen empfängt, wo andere Städte nur mit zweckmäßigen Hotelbauten und achtlos eingerichteten Bars aufwarten können. Auf diese Stille: Keine Autos, keine Mofas, nur das Tuckern der Vaporettos.

Ach, Venedig. Ich habe es spät entdeckt, mich verliebt, abgewandt, es wieder entdeckt, vor allem jene Bezirke, wo mit Rosen verzierte Bettwäsche über der Gasse flattert und aus den Handys der Schulkinder, die sich zu Mittag an der Brücke treffen, italienischer Hip-Hop dröhnt. Wo die Obsthändler morgens ihre Stände aufbauen, die Palazzi geduckter sind, aber genauso pittoresk. Weniger Geschäfte für Lederwaren, dafür mehr Bäckereien. Kein Murano-Glas in der Auslage, stattdessen Patschen, Nagelscheren, Plastikwaren. Einkaufstrolleys statt Rollkoffer. Und in der Bar am Eck treffen sich mittags die Säufer, wie überall auf der Welt.

Rialto-Markt. Um San Marco und Umgebung habe ich die letzten Jahre einen großen Bogen gemacht. Am Rialto-Markt und vor dem Palazzo Ducale drängten sich die Leiber, auf den Brücken staute es sich. Den Markusdom hatte ich, nach einem Pflichtbesuch, nie wieder betreten. Doch jetzt, Mitte Jänner, wartet dort keine Schlange, in die ich mich einreihen müsste. Ich spaziere einfach hinein – und der Einzige, der mich aufhalten könnte, ist der Wächter, der sich an meinem Rucksack stört. Viele Lokale sind verrammelt. Die Touristen, die in Venedig die Weihnachtsferien verbrachten, sind abgereist. Jene, die hier den Karneval feiern wollen, noch nicht angekommen.

Ja, Venedig ist leer, so leer, dass ich Passanten grüße, die mir in den Gassen Santa Croces entgegenkommen. So leer, dass eine alte Frau meine Hand nimmt und mir den Weg erklärt. Ich habe mich wohl suchend umgeschaut.

Mein Lieblingsplatz aber liegt auf der Promenade von Castello, kurz vor dem Ringelspiel und den Wurfbuden, wo keiner spielt und keiner wirft, nicht einmal sonntags. Dort sitze ich auf einer der steinernen Bänke, vor mir flirrt das Wasser in der Sonne und in der Ferne ragt in wuchtigem Barock Santa Maria della Salute auf. Rechts reiht sich ein stolzer Palazzo an den anderen, rote Markisen, grüne Fensterläden.

Ich habe den Mantel ausgezogen.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2020)