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Buchbesprechung

„Drei Frauen“: Für mein Glück sorgt der Mann

Lisa Taddeo begleitete ihre drei Protagonistinnen acht Jahre lang, bevor sie ihr (Sex-)Leben aufschrieb.
Lisa Taddeo begleitete ihre drei Protagonistinnen acht Jahre lang, bevor sie ihr (Sex-)Leben aufschrieb.(c) Diane von Schoen
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Lisa Taddeos Debüt „Drei Frauen“ wurde in den USA hymnisch gefeiert. Ihre drei düsteren Frauenskizzen zeigen, wie sehr Frauen ihr (sexuelles) Glück immer noch von Männern abhängig machen.

Es ist kein klassischer Roman, und das ist vielleicht die beste Erklärung dafür, warum Lisa Taddeos Debüt „Three Women – Drei Frauen“ derzeit so viel Beachtung findet. Die US-Autorin hat mehr als acht Jahre lang verschiedene Frauen über einen längeren Zeitraum begleitet, in ihren Tagebüchern und Briefen gelesen, mit Angehörigen gesprochen und in ihrer Nähe gewohnt, ehe sie das Intimleben von drei dieser Frauen aufschrieb. Beim Lesen fällt also die lästige Frage weg, ob das Erzählte real ist. Die Geschichten dieser „three women“ sind echt, nur die Namen aller darin Involvierten wurden verfälscht.

In den USA und Großbritannien wurde das Buch 2019 hymnisch gefeiert und stürmte die Bestsellerlisten von „New York Times“ und „Sunday Times“. Mancher Kritiker ließ sich gar dazu hinreißen, zu behaupten, das Buch werde das neue Standardwerk über weibliches Begehren. Seit vergangenem Montag ist das Buch auch auf Deutsch erschienen – und die deutschen Kritikerinnen gehen viel härter damit ins Gericht.

Tatsächlich versprechen Titel und Synopsis des Buches deutlich mehr, als sie am Ende halten können. Abwechselnd erzählt Taddeo von den komplizierten Liebesgeschichten der drei Frauen und von ihrer eigenen Mutter (in Prolog und Epilog). Da ist Maggie, die sich in der High School in ihren Lehrer Aaron verliebt und auf sein Drängen eine ungesund nahe Beziehung zu ihm beginnt. Da ist die zweifache Mutter Lina, die als sexuell ausgehungerte Ehefrau ihre erste Jugendliebe wieder trifft und sich auch von diesem Mann wieder nur ausbeuten lässt. Und da ist Sloane, die schlanke Erfolgsfrau aus wohlhabender Familie, die mit ihrem Ehemann Richard ein Restaurant auf Rhode Island betreibt, aber nur glücklich ist, wenn sie mit anderen Männern schläft, während ihr Mann ihr dabei zusieht oder live per Nachrichten darüber informiert wird.

Millenial-Stories. Zuerst fällt es schwer, sich an die stark wechselnde Tonalität der drei Frauen zu gewöhnen und mitzubekommen, in welcher Zeit ihre Erlebnisse passiert sind. So begegnen wir Maggie irgendwann in den 2000er-Jahren, Lina zuerst in ihrer Jugend in den späten 1990ern, dann in der unmittelbaren Gegenwart, Sloane ebenso. Die Geschichten entwickeln dann schon einen Sog, sie sind mit viel Liebe zum Detail aufgebaut und gerade Frauen aus der Generation der Millennials, die mit SMS-Schreiben und E-Mail-Konversation groß geworden sind, werden sich in den mitunter schmerzhaften Wirren der (verbotenen) Liebeskommunikation wiedererkennen.

Taddeos Buch ist erschreckend und ernüchternd. Egal, wie unterschiedlich ihre Herkunft und Bildung sind, begeben sich alle drei Frauen leichtfertig und (bis auf Teenager Maggie) freiwillig in die (auch sexuelle) Abhängigkeit von einem Mann. Die Intimberichte wimmeln vor Kränkungen und bewussten Erniedrigungen der Frauen durch Männer, was traurig und wütend macht. Nur bei Lina und Sloane blitzt Mut zur Selbstbestimmung durch. Die schmerzhafteste Erkenntnis hat Maggie: Dass andere Mädchen einen nicht beschützen können. Und Taddeo schreibt in ihrem Nachwort: „Niemand würde einem anderen sein Verlangen gönnen, und schon gar nicht einer Frau.“

Insofern war es wichtig und richtig, diese Stories aufzuschreiben. Nur haben wir gedacht, dass wir schon viel weiter sind. Was aber bleibt, ist die Hoffnung, dass die heute heranwachsenden Mädchen einmal andere Geschichten erzählen werden.

(c) Piper Verlag

Neu Erschienen

Lisa Taddeo: „Three Women - Drei Frauen“

Übersetzt von Maria Hummitzsch
Piper Verlag, 417 Seiten, 22,70 Euro

 

 

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2020)