Schnellauswahl
Gastkommentar

Kirchenaustritte: Schreckliches Jahr oder schreckliches Gesetz?

Die Anzahl der Katholiken ist 2019 erstmals unter 5 Millionen, auf 4,98 Millionen Menschen gesunken.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare"

Um die Bevölkerung auf die massiv gestiegenen Kirchenaustritte vorzubereiten, sprach kürzlich der Salzburger Erzbischof und Metropolit in einem Interview von einem „Anno horribilis“ (schreckliches Jahr) für die Kirche in Österreich, was die Austritte betrifft.

Was am Jahr 2019 schrecklich ist, wenn 67.583, 15 % Steigerung seit 2018, den Austritt aus der katholischen Kirche gewählt und sich damit von einem NS-Zwangsgesetz befreit haben, mit der Unterschrift eines 1946 hingerichteten Kriegsverbrechers, müsste erst noch erklärt werden. Ist nicht eher das NS-Gesetz schrecklich, dessen Absicht „ein vernichtender Schlag gegen die Kirchenorganisation“ war und das heute so wirkt? Dagegen haben die Bischöfe 1939 noch geschlossen schriftlich protestiert.

Wenn gleichzeitig noch das Kirchenbeitragsaufkommen von 461 auf 474 Millionen Euro gestiegen ist, so verblüfft das. Verhelfen die Austritte Kirchen zu noch mehr Geld? Wohl nicht mehr lange. Die berichtete Steigerung lässt sich nur mit willkürlichen Erhöhungen bei den Beitragsvorschreibungen erklären. Lohnerhöhungen für ganze Berufsgruppen wirken sich beim Einzelnen nicht immer mit der höchsten Steigerung aus, die gelten meist nur für die wenig Verdienenden. Wer das übersieht, zahlt bald einmal zu viel.

 

Nur 14 Austritte in Bozen

Warum klammern sich christliche Kirchen heute noch so an ein NS-Gesetz? Sind Kirchen in Deutschland, Schweiz und Österreich primär Finanzämter? Ein Ausweg aus diesem Gesetz wäre die Steuerwidmung, wie sie Italien, Spanien, Slowenien, Ungarn und Polen haben. Die genannten Länder haben praktisch kaum Kirchenaustritte. Die Diözese Bozen-Brixen hatte 2018 mit ca. 480.000 Katholiken nur 14 Kirchenaustritte, wie allein einzelne kleine Pfarren in Österreich heuer; die Erzdiözese Laibach mit ca. 580.000 Katholiken nur 27 Austritte. Österreich hätte mit der etwa zehnfachen Katholikenzahl also nur 150 haben dürfen, hatte aber tatsächlich 58.376 Austritte im Jahr 2018 und im Jahr 2019 eben 67.538. Seit 1945 waren es über 2,4 Millionen.

 

Motiv für Austritt fällt weg

Neue Recherchen zeigen mir in Italien drei Töpfe zur Steuerwidmung. Aus dem Steueraufkommen darf jeder Bürger über 0,8 % jährlich abstimmen, ob dieser nur einer anerkannten Religionsgemeinschaft oder dem Staat zugutekommen soll. Aus einem zweiten unabhängigen Topf kann für Kultur (Mailänder Skala), Soziales und Umwelt gewidmet werden. Weiters noch 0,2 % für politische Parteien im Parlament, insgesamt also 1,5 %. Ein interessantes Modell. Dafür wird keine eigene Steuer einbehalten, wie auch behauptet worden ist, die Finanzierung der Kirchen ist im Steuertopf bereits enthalten.

Der Staat muss keine mehr einbehalten, überträgt aber dem Bürger eine Mitwirkung bei der Steuererklärung. Wer keine Steuern zahlt, kann ebenso widmen. Niemand wird zusätzlich belastet. Es muss auch niemand seinen „Steueranteil spenden“, wie auch ein Bischof behauptet hat. Deshalb fällt jedes Motiv für den Austritt weg. Wer wie in einem deutschen Magazin behauptet, in Italien könne man für Kirchen oder die Mailänder Skala widmen, der täuscht unwissend oder absichtlich die Bevölkerung.

Arbeitsplätze in den Kirchen zu sichern, womit die Kirchensteuer gern verteidigt wird, wird nur mit einer Steuerwidmung möglich sein und nicht mit einem Nazi-Gesetz, das ein Kirchenaustrittsklima schuf. Wenn die Politik mit den anerkannten Religionsgemeinschaften dagegen nichts unternimmt, könnte der Katholikenanteil im Jahr 2060 bei 27 bis 30Prozent liegen.

Rudolf K. Höfer, ao. Univ.-Prof. i. R. für Kirchengeschichte an der Universität Graz.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Mitreden

Welchen Platz soll Religion in unserer Gesellschaft haben? Diskutieren Sie mit!

>>> zum Forum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2020)