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Filmkritik

„Ghost Town Anthology“: Die Stadt der verlorenen Seelen

Maskierte Kinder treiben unheimlichen Schabernack: „Ghost Town Anthology“.
Maskierte Kinder treiben unheimlichen Schabernack: „Ghost Town Anthology“.(c) Stadtkino
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In „Ghost Town Anthology“ erzählt Denis Côté von der schleichenden Auflösung eines kanadischen Städtchens. Und bedient sich dabei der Verstörungsmittel des Horrorkinos.

Die Bürgermeisterin ist empört. Da hat sich der Québecer Gemeindeverband doch allen Ernstes erdreistet, ihr eine psychologische Betreuerin an den Hals zu schicken. Aus Montréal – und eine Muslimin noch dazu! „Ich weiß nicht, ob Abkapselung in ihrem Fall die beste Strategie ist“, meint die Abgesandte. Doch was weiß so eine Städterin schon über die Sitten und Gebräuche einer Siedlung wie Irénée-les-Neiges? Nichts! Frau Smallwood hingegen kennt ihre Schäfchen gut. Alle 215. Und die haben Hilfe von außen nicht nötig. „Wir halten zusammen und lösen unsere Probleme selbst!“ Basta.

Doch auch die Ortsvorsteherin spürt, dass etwas nicht stimmt. Der tödliche Autounfall (oder war es Selbstmord?) des jungen Dorflieblings Simon, der unlängst mit Vollgas gegen einen Betonklotz geknallt ist, hat eine Wunde in die Gemeinschaft gerissen. Und die will sich einfach nicht schließen. Wie ein Trauerschleier lastet der Schmerz auf dem Alltag der abgelegenen Ortschaft, lähmt das Leben und drückt die Stimmung, allen Durchhalteparolen zum Trotz. Oder hat er bloß etwas hervorgekehrt, was bislang notdürftig verdrängt wurde? Eine Trostlosigkeit, die viel tiefer wurzelt – und zu dieser gottverlassenen Gegend gehört wie der eisige Winterwind?

 

Geister der Vergangenheit

Die Antwort von „Ghost Town Anthology“ lautet unmissverständlich: Ja. Denis Côtés eigenwilliges Arthaus-Drama versucht zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn eine Gemeinde langsam von der Landkarte rutscht – aufgrund von Bevölkerungsschwund, staatlicher Vernachlässigung, Mangel an Perspektiven. Und greift dabei auf Elemente des Gruselkinos zurück. Was zunächst den Anschein einer kollektiven Depression erweckt, verwandelt sich sukzessive in buchstäblichen Spuk: Irgendwo treiben maskierte Kinder unheimlichen Schabernack, Schatten huschen durch dunkle Zimmerfluchten. Und auf den Feldern sprießen schemenhafte, stillschweigend ins Leere starrende Figuren aus dem gefrorenen Boden. Es sind die Geister der Vergangenheit: namenlose Opfer unvergänglicher Provinzmalaise.

Nach Simons Tod lässt sich diese nicht mehr unterdrücken, jeder muss auf seine Weise damit umgehen. Knapp, aber empathisch skizziert Côté die Dorfgemeinschaft. Die Mutter des Verstorbenen kann den Schicksalsschlag nicht ertragen. Nächtens irrt sie verloren umher, sucht tröstende Gespräche mit Baustellen-Gastarbeitern. Ihr Gatte fährt ins Graue, forscht nach Spuren seines Sohns. Und trifft schließlich dessen stummes Gespenst.

Weder der Pep des örtlichen Mackers noch der Humor eines schrulligen alten Pärchens sind der schwelenden Tristesse gewachsen. Der ältere Bruder des Toten (gespielt vom kanadischen TV-Star Robert Naylor) steigert sich in blinde Wut hinein: Nicht einmal begraben kann man Simon! Zu hart ist die Erde vom Frost, bis zum Frühling bleibt der Leichnam in einem Schuppen aufgebahrt. Doch an den Frühling glaubt hier niemand mehr.

 

Die Langeweile ist beabsichtigt

Der Stoff passt zu Côtés Profil. Seit seinem Debüt „Les états nordiques“ (2005) beschäftigt er sich mit der kanadischen Peripherie und ihren Bewohnern. Dabei legt er eine beachtliche Produktivität und Stilvielfalt an den Tag. Seine künstlerische Wiege war die Undergroundmusik, Nihil Productions nannte er seine 1993 gegründete Firma. „Ghost Town Anthology“, der 2019 bei der Berlinale Premiere feierte, wirkt nun wie ein Post-Rock-Requiem: Düster, roh und brodelnd schleppt es sich dahin.

Zwar gibt es eine Handvoll müder Schockeffekte. Doch sie ändern nichts an der durchdringenden Langeweile des Films, die durchaus beabsichtigt ist. Der Horror besteht darin, dass alles so bleibt, wie es ist, selbst als die Geistersichtungen von den Behörden anerkannt werden. Stagnation und Verfall nehmen auch die Bilder in Beschlag, körnige, zittrige 16-mm-Aufnahmen unwirtlicher Ödnis. Kaum wunder nimmt unter diesen ästhetischen Vorzeichen das finale Verdikt, das auch als Anklage verstanden werden kann: Haut ab – oder lasst alle Hoffnung fahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2020)