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Gastkommentar

Das Kopftuchverbot – eine scheinheilige Debatte

Warum das Verbot allen muslimischen Schülerinnen schaden wird, mit und ohne Kopftuch.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Bildungsminister auf die Frage nach wissenschaftlicher Evidenz für eine politische Maßnahme antwortet, dass „die Wissenschaft sich nicht überall einmischen soll“. So passierte es aber unlängst in der „ZiB 2“ beim Interview mit Heinz Fassmann im Zusammenhang mit dem Kopftuchverbot für Schülerinnen bis 14 Jahren.

Hätte der Minister die Studien zitiert, die es zu diesem Thema bereits gibt, hätte er sagen müssen, dass sowohl der Bildungs- als auch der Integrationserfolg sowie die finanzielle Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Betroffenen sich deutlich verschlechtern werden. In Frankreich wurden diese negativen Effekte durch eine Langzeitstudie der University of Stanford bereits nachgewiesen. Die Inklusion muslimischer Mädchen und Frauen wird nicht gefördert, sondern eher das Gegenteil bewirkt. Obwohl die negativen Konsequenzen allen Akteuren mehr oder weniger bewusst sind, argumentieren die Befürworterinnen, zum einen mit der Unterstellung von Zwang und zum anderen damit, dass Schule ein „neutraler Ort“ sein soll.

Die Schulgottesdienste zu Beginn und am Ende des Schuljahres, die Schulgebete, die Feiern zu Weihnachten und Ostern und das Kreuz im Klassenzimmer sind ebenso wenig „neutral“ wie die jüdische Kippa und der Turban der Schüler der Sikh-Community, die beide vom Verbot nicht betroffen sind, aber darum geht es gar nicht.

Zur religiös-weltanschaulichen Neutralität sind nämlich nicht die SchülerInnen, sondern die LehrerInnen verpflichtet, die im Auftrag des Staates arbeiten. Das bedeutet, dass alle (!) SchülerInnen gleich behandelt werden müssen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Muttersprache, sexuellen Orientierung oder Religionszugehörigkeit. Neutralität bedeutet nicht Uniformität und lässt sich nicht an Äußerlichkeiten festmachen, sondern sie bedeutet einen Schutz vor Diskriminierung.

Dass es um diesen Schutz vor Diskriminierung und damit um die Neutralität an österreichischen Schulen nicht besonders gut gestellt ist, kann man in den Jahresberichten der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen nachlesen. Sie sammelt und dokumentiert Diskriminierungserfahrungen, die sich im österreichischen Bildungswesen zutragen. Es werden alle sieben Diskriminierungsgründe der EU erfasst und alle Betroffenen – Schüler, Lehrer, Eltern und Zeugen – können ihre Erfahrungen dokumentieren.

Der häufigste Diskriminierungsgrund ist der Name

Antimuslimischer Rassismus war 2018 der häufigste Diskriminierungsgrund, unabhängig davon, ob die Religionszugehörigkeit sichtbar war oder nicht. Nur knapp 30% der Betroffenen trugen ein Kopftuch. Der mit Abstand häufigste Diskriminierungsgrund ist der Name. Schon oft wurde dieses Phänomen untersucht, zuletzt an der Universität Mannheim. Ein und dasselbe Deutsch-Diktat wurde Lehramtsstudierenden zur Korrektur vorgelegt, mit nur einem Unterschied: einmal hieß der Schüler „Max“ und das andere Mal „Murat“. Das Diktat von Murat wurde trotz gleicher Leistung um 1 Note schlechter beurteilt.

Ein Verbot religiöse Kopfbedeckungen zu tragen, das nur eine einzige Religionsgemeinschaft betrifft und alle anderen ausspart, ist gleichheitswidrig und diskriminierend. Es bestärkt jene Lehrer, die bereits ihre antimuslimischen Vorurteilen und Ressentiments an ihren muslimischen Schülern ausleben. Es vermittelt muslimischen SchülerInnen, dass sie so, wie sie sind, nicht „richtig“ sind, es ist eine Herabwürdigung für jene, die vom Staat gezwungen werden sollen, sich auszuziehen.

Die Debatte, wie sie jetzt geführt wird, ist scheinheilig und wir brauchen dringend einen anderen Zugang. Reden wir über einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle Schüler und Schülerinnen, den es in Österreich nicht gibt. Reden wir über ein Diskriminierungsverbot statt ein Kopftuchverbot.

Die Autorin

Dr. Sonia Zaafrani (*1980 in Oberwart) arbeitet als Ärztin für Allgemeinmedizin und ist Vorsitzende der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen. Sie hat gemeinsam mit Persy-Lowis Bulayumi, Jenny Simanowitz und Marlies Parchment den Verein vor mehr als drei Jahren gegründet und setzt sich für einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle SchülerInnen ein. www.diskriminierungsfrei.at

E-Mails an: debatte@diepresse.com