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Replik

Das Geschwätz von gestern

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Für einen Juristen hat Janko Ferk ein sonderbares Empfinden für (Un-)Recht, wenn er sich für „Das Recht auf Bevorrechtung“ ausspricht.

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Die Stärke eines Zitats entsteht nicht aus der Autorität seines Urhebers, sondern durch die Relevanz, welche es für eine laufende Debatte hat. Vor dieser Annahme ist die Äußerung des ehem. Bundeskanzlers Bruno Kreisky „Eine Minderheit hat nicht das Recht auf Gleichberechtigung. Eine Minderheit hat das Recht auf Bevorrechtung“ keine unumstößliche oder nicht zu hinterfragende Doktrin, wie Janko Ferk in der „Presse“ (vom 11. Jänner 2020) in seinem Text über Kärntner Slowenen unredlich behauptet.

Es ist schlicht ein rund vier Jahrzehnte altes Bonmot, das zwar seinen Platz in den Anekdotensammlungen berühmter Politiker hat, dort findet man aber auch andere, nicht weniger (un-)wahre Aussagen, wie etwa das dem deutschen Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) falsch zugeschriebene: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“

Diese Lebensweisheit hätte sich Ferk auf die rote Fahne schreiben sollen, bevor er im Kadavergehorsam gegenüber dem Gottvater aller österreichischen Sozialdemokraten vollmundig postulierte: „Wenigerheiten (Anm.: Hier sind damit die Kärntner SlowenInnen gemeint), anders will ich sie nicht nennen, sind immer eine gefährdete und vom Aussterben bedrohte Gattung, weshalb Bruno Kreisky uneingeschränkt beizupflichten ist.“ Eine Behauptung, die nichts anderes bedeuten kann als: Für bestimmte Gruppen ist aufgrund ihrer zweifelsfreien, historischen Benachteiligung das uneingeschränkte Recht erwachsen, in Zukunft bevorzugt behandelt zu werden!

Was für ein Irrtum, um nicht zu sagen: Was für ein Irrsinn! Als könnte einmal begangenes Unrecht durch ein weiteres Unrecht aufgehoben werden. Denn nichts anderes wäre es, forderte man anstatt der unbedingten Gleichberechtigung die Bevorrechtung einer bestimmten Gruppe, was nur auf Kosten einer anderen Gruppe ginge usw.

 

Es soll mir jetzt besser gehen

Mit anderen Worten: Janko Ferk macht sich mit seiner Überzeugung, einer Minderheit bzw. Wenigerheit käme jedwedes Recht auf Bevorrechtung zu (ohne dafür ein einziges wirklich schlüssiges Argument zu nennen), mit denjenigen Ungeistern gemein, die Ungleichheiten durch Unrecht und Unmenschlichkeit in der Vergangenheit befördert haben. Anstelle eine positive Lehre aus den eigenen negativen Erfahrungen gezogen zu haben, leitet der Jurist Ferk eine exklusive Forderung ab, die nicht eine Harmonisierung zwischen den einzelnen Gruppen und das gleiche Recht für alle kennt, sondern wiederum und gefährlich argumentiert: Weil's mir wegen dir schlecht erging, solls mir statt dir jetzt besser gehen!

 

Sündenbockideologie

Das erinnert nicht zufällig und alarmierend an eine Sündenbockideologie, die nichts anderes hervorbringt als die Spaltung der Gesellschaft und Rachegelüste der einst Benachteiligten gegenüber den einst Bevorzugten, und ignoriert entweder absichtlich oder unüberlegt jede Entwicklung einer Annäherung, die, wenn nicht jetzt, so doch in Zukunft Gleichheit bedeuten wird.

Anders als Janko Ferk plädiere ich also für einen Weg, auf dem Gruppen und Einzelpersonen aufeinander zugehen, sich verzeihen, einander (gleich) wertschätzen – und nicht wieder den eigenen Vorteil auf Kosten anderer suchen.

 

Martin Kolozs (* 1978), Schriftsteller und christlicher Philosoph. Zuletzt erschien: „Über Mut – Gedanken und Reflexionen“ (Tyrolia, Innsbruck 2019).

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2020)