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Jahresprogramm

Alles queer und queerer in der Kunsthalle

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Antirassistisch, feministisch, queer, antikolonialistisch, wachstumskritisch . . . Das neue Zagreber Leitungskollektiv WHW hat sein erstes Programm für die Kunsthalle Wien präsentiert.

WHW nennt sich das Künstlerkollektiv, das seit Juni die Kunsthalle Wien leitet und nun am Dienstag sein erstes Jahresprogramm vorgestellt hat. Für Kenner der österreichischen Geschichte ist das keine verheißungsvolle Buchstabenkombination, stand sie doch im Nationalsozialismus für das „Winterhilfswerk des Deutschen Volkes“.

Die drei Frauen an der Spitze der Kunsthalle, Ivet Ćurlin, Sabina Sabolović und Nataša Ilić, stammen aber aus Zagreb, und ihr Kollektivname steht für „What, How & for Whom“. WHW feierte im Jahr des Amtsantritts sein 20-jähriges Jubiläum – und seine Ansätze sollen nun auch auf Wien angewandt werden.

Dazu gehört, wie das Jahresprogramm zeigt, die Einbindung einer fast unüberschaubaren Anzahl an Künstlern. Ungewiss ist, ob diese personelle auch zur gedanklichen Buntheit führen wird: Denn die angekündigten Ausstellungsthemen stehen weniger unter künstlerischen als unter ideologischen Vorzeichen. So werden rund 35 Künstler zu einer ab 29. Mai laufenden Ausstellung ihre Beiträge liefern. Der Titel der Schau, „And If I Devoted My Life to One of Its Feathers?“, ist ein Zitat aus einem Gedicht der ökofeministischen Chilenin Cecilia Vicuña. Die Künstler und Künstlerinnen, hieß es in der Pressekonferenz, würden sich aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten heraus mit den Themen Selbstbestimmung sowie sozialer und ökologischer Wandel auseinandersetzen. Zu ihnen gehören unter anderem Marwa Arsanios , Ines Doujak, Oliver Ressels, Tim Etchells, Daniel Spoerri, Hito Steyerl oder Milica Tomić. „Ich bin sicher, dass alle uns etwas zu sagen haben“, ließ der Kurator Miguel A. Lopez in der Pressekonferenz per Videobotschaft ausrichten.

 

„Von Brot, Wein, Autos . . .“

Auch die erste Ausstellung hat WHW zufolge eine klare inhaltliche Programmatik – und die ist nicht unbescheiden: Wachstums- und Kolonialismuskritik, Feminismus und Ökologie. Die Schau startet am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Ihr Titel „. . . Von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden“ ist einem Buch des libanesischen Künstlers und Autors Bilal Khbeiz entlehnt („Globalization And The Manufacture of Transient Events“). WHW hat außerdem angekündigt, stark mit hier ansässigen Künstlern zusammenzuarbeiten. Zwei davon werden jedenfalls ab 9. Juni ihre ersten institutionellen Einzelausstellungen in Wien haben, nämlich Ana Hoffner ex-Prvulovic und Belinda Kazeem-Kaminski. „Queer“ und „antirassistisch“ sind hier die Schlagwörter: „Die Werke der beiden Künstlerinnen eröffnen queere Räume und Momente“, kündigte Kuratorin Anne Faucheret an, die Künstlerinnen würden dabei aktivistische und antirassistische Positionen beziehen.

„Fast alle unsere Vorhaben sind im Dialog und im Austausch mit Wiener Partnern entstanden“, sagte Co-Leiterin Sabina Sabolović am Dienstag. Die Ausstellung „And If I Devoted My Life to One of Its Feathers?“ etwa ist eine Kooperation mit den Wiener Festwochen. Mit der Viennale arbeitet man bei einer Schau des serbischen Regisseurs Želimir Žilnik zusammen. Weitere Ausstellungen: der bekannte sommerliche „Space for Kids“, ein „Kunst-Natur-Labor“ am Karlsplatz, eine Schau mit Arbeiten der zwei Kunsthallen-Preisträger und im Dezember „Cybernetics of The Poor“.

Das Spiel mit dem Adler ist vorbei – statt des dynamischen, auf keinen Charakter festzulegenden Logos kommt ein neues, das auf schlichte Symbolik setzt: Es besteht aus zwei ums Eck gehenden Linien – die längere steht für den Standort Museumsquartier, die kürzere für den kleineren am Karlsplatz. (sim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2020)