Schnellauswahl
Neues Album

Eminem: Die gezielte Provokation eines Unverstandenen

Eminem Music To Be Murdered By Interscope Records
Eminem Music To Be Murdered By Interscope Records.
  • Drucken
  • Kommentieren

Auf „Music to Be Murdered By“ zitiert Eminem Hitchcock und macht sich über Terroristen und MeToo lustig.

Das neue Album des Rappers Eminem war erst ein paar Stunden alt, da listete der britische „Guardian“ bereits dessen textliche Verfehlungen auf: Er vergleicht sich mit Saddam Hussein, Ayatollah Khomeini, diversen Serienmördern und dem sechsjährigen Mordopfer JonBenét Ramsey. Er rappt aus der Perspektive des Amokläufers, der 2017 in Las Vegas 58 Konzertbesucher erschoss. Die Zeile, die am meisten aufregt, stammt aus dem Track „Unaccommodating“, zu Deutsch: ungefällig. „I'm contemplating, yelling ,bombs away‘ on the game/ Like I'm outside of an Ariana Grande concert waiting.“ Das spielt auf den Bombenanschlag bei einem Konzert von Popstar Grande 2017 in Manchester an, als ein Jihadist 22 Menschen mit in den Tod riss. Hinterbliebene kritisieren Eminems Text, der Bürgermeister von Manchester nennt ihn „zutiefst respektlos“.

Die gezielte Provokation eines Mannes, der sich unverstanden fühlt. Darauf bezieht sich auch der Albumtitel „Music to Be Murdered By“. Genauso hieß 1958 ein Album von Regisseur Alfred Hitchcock: Er reagierte damit auf den Vorwurf, seine Werke würden zum Morden anregen. Eminem identifiziert sich mit dieser tiefschwarzen Entgegnung auf Kritiker. Zwar kann er den Blick schonungslos auf sich selbst richten („So sit there and act pathetic and sulk“, heißt es im starken „Lock it up“ mit Anderson Paak). Aber er ist überaus empfindlich. In „Premonition“ beklagt er, vom „Rolling Stone“ schlecht bewertet worden zu sein: „I'll laugh out loud“ sagt er, und wirft dem Magazin vergangene Verfehlungen vor. Jeder Angriff löst einen Gegenangriff aus. Er entschuldigt sich in „No Regrets“ bei den Rappern Earl Sweatshirt und Tyler, the Creator für (homophobe) Beschimpfungen, nur um gleich darauf zu sagen, dass er seine Wut besser gegen andere gerichtet hätte: „The fake ones and traitorous punks“ seien „cunts“...

„Das ist Belästigung“ – „Ja, und?“

„Cunts“ und „bitches“ – Frauenfreund war Eminem noch nie. Früher rechnete er mit Exfrau und Mutter ab, nun macht er sich über MeToo lustig. In „Those Kida Nights“, dessen Refrain Pop-Liebling Ed Sheeran singt, erzählt Eminem, wie er von einer bisexuellen Frau oral befriedigt wurde. Ironisch, trotzdem eine Heldengeschichte. Versetzt in die Vergangenheit, so entzieht er sich der Diskussion. Früher ging das eben, oder wie es im Song heißt: „She's like ,That's harassment‘, ,I'm like ,Yeah, and?‘“.

Cleverer ist „Darkness“: Der einsame, unverstandene Freund der Dunkelheit, mit dem man anfangs noch Mitgefühl hat, entpuppt sich als Amokläufer. Eminem schildert die Tat aus dessen Perspektive. Geht das (nun endlich) zu weit? „Pornografisch“ nennt die „Süddeutsche“ den Track. Nicht wegen des lyrischen Ichs, sondern weil Schreie junger Frauen in den Song gemischt wurden. Eminem greift zu drastischen Mitteln, um wieder relevant zu sein. Davon erzählt das Album nämlich vor allem: vom Bedeutungsverlust und der Wut über diesen. „Once I was played in rotation at every radio station“, moniert er im Opener. „Look at how I'm behaving, they want me gone away“ heißt es in „Unaccommodating“. Die Wahrheit ist nur leider: Die großen Provokateure, die man loswerden will, sind längst andere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2020)