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Freiwillig in der Wüste arbeiten

(c) Marin Goleminov, Presse
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Ich wollte immer schon auf einer Reise freiwillig arbeiten. Die konkrete Idee für den Ort kam erst vergangenen Sommer. Eine Freundin verbrachte den ganzen August als Ehrenamtliche in der israelischen Wüste und hörte nicht auf, davon zu schwärmen. Es war höchst ansteckend. Ich beschloss, eine düstere Wiener Novemberwoche lieber in der Wüste zu verbringen, und buchte einen Flug nach Tel Aviv. (Von Anja Malensek)

Es ist sechs Uhr in der Früh. Die rote Sonnenkugel hängt knapp über dem Horizont. Der Blick reicht weit über die kahle, mit vereinzelten Bäumen gesprenkelte Landschaft. Eine dünne Frauengestalt in Sandalen öffnet den Zaun des Pferdestalls und ruft: „Kadima, kadima!“ Drei Pferde und ein Esel machen sich auf den Weg in die Halbwüste, wo sie den ganzen Tag weiden, bevor sie am Abend zurückkehren.

Die WüstensonneAnja Malensek

Dem Winter entkommen

„Ist es nicht zu gefährlich?“, waren viele meiner Freunde skeptisch, als ich ihnen von meinen Reiseplänen erzählte. Das Fernweh und die Flucht vor der winterlichten Dunkelheit konnten alle nachvollziehen. Die meisten fanden meine Unternehmung mutig und ein wenig verrückt. Vor allem, als ich nach der Rückkehr von Fahrten per Anhalter, einsamen Wüstenwanderungen und ganz tief kreisenden Militärflugzeugen erzählte. Und natürlich vom Künstlerpaar Tess und Noel.

Tess und Noel (die Namen wurden von der Redaktion geändert) sind ein älteres Paar in Ezuz, einem abgelegenen Dorf nahe der ägyptischen Grenze im Süden Israels. Sie haben fünf Kinder, drei Pferde, zwei Hunde – und oft auch Freiwillige, die über die Plattform Workaway ihren Weg dorthin finden. Ezuz besteht aus etwa zwanzig Häusern, die von mehreren Großfamilien bewohnt werden. Die meisten Einwohner leben vom Tourismus, von Kunstwerken oder lokalem Gemüseanbau. Ein Geschäft gibt es in Ezuz nicht. Einmal in der Woche bekommt die Familie eine Gemüsekiste aus dem Nachbarort zugestellt. Sonstige Einkäufe erledigt sie in der Stadt Beer Sheva, wo sie derzeit ein Haus zur Vermietung herrichtet. Tess und Noel betreiben in Ezuz ein Öko-Hostel. Auf ihrer Parzelle stehen neben dem Wohnhaus und dem Pferdestall niedliche Hütten, in denen man übernachten kann, und ein offenes Parkettgelände für Yoga, Tanz oder Akrobatik. Viele Touristen machen in Ezuz kurze Rückzugsurlaube mit unterschiedlichen Workshops.

Tess vor den Touristenhütten in EzuzAnja Malensek

privat

Freiwillige aus der ganzen Welt

Das Paar weiß nicht genau, wie oft es schon Freiwillige bei sich hatte. „Bestimmt mehr als 100 Mal“, schätzt Tess. „Vielleicht auch 200 Mal.“ Angefangen hat das Ganze, als die jüngste Tochter zur Welt kam. Sie brauchten dringend die Hilfe eines Babysitters, konnten sich aber keine Betreuung leisten. Sie fanden Workaway und engagierten Volontäre anfangs als Au-pair. Die jüngste Tochter ist inzwischen zwölf Jahre alt, aber die Familie hostet weiter. In der Touristensaison – vor allem im Frühling und Herbst – brauchen sie die freiwillige Hilfe noch, etwa beim Wäschewaschen, Aufräumen, Kochen und beim Ausmisten des Pferdestalls.

Freiwillige aus der ganzen Welt kommen nach Ezuz. Besonders oft verschlägt es Deutsche dorthin. Tess weiß nicht, warum dem so ist. In der Novemberwoche, in der ich dort war, hatte ich tatsächlich eine „Kollegin“ aus Berlin, die 35-jährige Lisa. Tess wollte nicht zu viel über andere Freiwillige erzählen, weil das schlechtes Karma mit sich bringe. Eine ungewöhnliche Workaway-Geschichte teilte sie aber doch mit uns: Vor ein paar Jahren kamen zwei Freiwillige, die sich erst in Ezuz kennenlernten, den ganzen Sommer bei ihnen verbrachten und dort ein Kind zeugten. „Die Wüste bringt die Leute einander näher“, sagt Tess schmunzelnd. Auch ohne derartige Vorhaben spürte ich dieses Gefühl der Nähe von Anfang an. Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass man sich noch am Tag der Ankunft bei wildfremden Menschen so zu Hause fühlen kann. Ich putzte ihr Haus wie meine eigene Wohnung und nahm das aus dem Kühlschrank, worauf ich gerade Lust hatte. Sie redeten mit mir und vor mir über ganz persönliche Dinge, als wäre es selbstverständlich, dass ich für eine Woche zur Familie dazugehörte.

Kosher? Challenge accepted!

Tess und Noel sind jüdisch. Sie halten den Schabbat ein, essen koscher und beachten auch die anderen Gesetze der Tora. Das Geschirr aus den getrennten Küchen (eine für milchige Speisen, die andere für fleischige) wird allerdings in demselben Geschirrspüler gewaschen, denn „man kann den göttlichen Gesetzen selbst eine vernünftige Grenze setzen“. Den Schabbat, der im Judentum als die heiligste Zeit der Woche gilt, widmen sie der Familie. Gegen den Sonnenuntergang am Freitag wird eifrig gekocht und aufgeräumt. Zu Besuch kommen ein Sohn aus dem Militärdienst, der jüngste Sohn aus dem Internat und Noels älteste Tochter aus Paris.

Ich bereite das Hauptgericht für das Schabbat-Abendessen für acht Personen vor, was angesichts der begrenzten Gemüseauswahl, unbekannter Gewürzen und zwei Küchen mit streng zu trennenden Besteck-Sets eine Herausforderung ist. Als wir uns lang nach dem Sonnenuntergang endlich zu Tisch setzen, ist Noels Miene ernst. Er wartet, bis alle ihre Handys weggesteckt haben, und sagt die einleitenden Gebete. Es ist offensichtlich, dass die Traditionen nicht für alle Familienmitglieder eine so große Stellung haben. Noels Gesicht hellt sich allerdings auf, als alle einstimmig „Schalom Aleichem“ singen.

Abendessen am SchabbatAnja Malensek

Aus einer Großstadt in ein winziges Dorf

Die Geschichten, die das Paar über sein Leben erzählt, klingen wie aus einem Film. Tess und Noel waren jahrelang als Künstler tätig – Noel als Maskenbildner aus Algerien bzw. Frankreich, Tess als Zirkuskünstlerin aus Amsterdam. Nach vielen Zwischenstationen zogen sie 2001 nach Israel. Die neue Heimat kam ihnen sofort wie das richtige Zuhause vor. „Es fühlte sich an, als könnten alle älteren Paare meine Großeltern sein“, erinnert sich Noel.

Das kleine Wüstendorf wird oft tags und nachts von Militärflugzeugen überflogen. In der Nacht leuchtet die wenige Kilometer entfernte Militärbasis so stark, dass die Milchstraße kaum zu sehen ist. Manchmal höre man auch Schießübungen. „Solang sie von dieser Seite kommen, ist alles gut, aber wenn das einmal von der anderen Seite kommt, haben wir ein Problem“, sagt Noel und zeigt in Richtung Ägypten.

„Ich bin nicht hier, um zu urteilen“

Der Alltag in Ezuz wirkt trotz alledem friedlich. Nachdem der Pferdestall ausgemistet ist und die Bettwäsche in einer leichten Brise über die Veranda flattert, können sich Freiwillige in eine der vielen Hängematten legen oder mit den Hunden spielen. Man sollte höchstens fünf Stunden am Tag arbeiten. Die Arbeit ist leicht und hat im Vergleich zum stressigen Leben in Wien eine beruhigende Wirkkraft.

Der Weg nach EzuzAnja Malensek

Mitte November sind die Tage in Negev noch heiß und die Abende bereits frisch. Ich nutze die Zeit für Gespräche mit Tess, Noel und Lisa. Lisa konnte sich für die Workaway-Reise nach Israel zwei Monate freinehmen und plante außer Ezuz noch Aufenthalte in Jerusalem, Haifa und „in dem Gebiet“. Die Stadt in Palästina spricht sie flüsternd aus, auch wenn niemand in Sicht ist: Jericho. Sie wiederholt immer wieder das Motto, mit dem sie nach Israel gekommen ist: „Ich bin nicht hier, um zu urteilen.“ Manchmal scheint es, als würde sie sich selbst überzeugen müssen.

Mitten im Leben anderer Menschen

Am letzten Tag meiner Freiwilligenwoche sprechen wir Tess auf den Israel-Palästina-Konflikt an. Ich könnte jenen Ort nicht verlassen, ohne das Thema hervorzubringen. Tess hat kein Problem damit, ihre Sichtweisen offenzulegen und Urteile über ein ganzes Volk zu fällen. Sie wundert sich, dass wir die „wahre“ Sachlage nicht erkennen, und versteht unsere Zweifel nicht. Für uns ist die Situation alles andere als schwarz-weiß, für sie nicht. Sie erzählt kopfschüttelnd von vielen jungen grünen Israelis, die wegen der Geschichte Israels ein schlechtes Gewissen hätten und „ihr Land am liebsten aufgeben würden“. Das Paar achte deswegen darauf, dass ihre Kinder in der Schule nicht zu links erzogen würden. Ansonsten sei die Politik bei ihnen kein großes Gesprächsthema. Dieses absolute Denken scheint ausschließlich auf das eine Thema begrenzt zu sein.

Einige Stunden später tauschen wir uns wieder über ganz etwas anderes aus, kochen und essen gemeinsam, sitzen auf der Veranda und holen die Pferde zurück in den Stall. Im Familienhaus gibt es fast keine Privatbereiche, keine verschlossenen Türe oder Dinge, die man nicht benutzen sollte. Genauso ist es auch mit privaten Gesprächen, die sie auf Französisch, Hebräisch oder sogar auf Englisch vor uns führen.

Tess und Noel in ihrem KünstlerstudioAnja Malensek

Tess liebt es, Geschichten über Wien zu hören. Am Schabbat schaute sie Dokus über europäische Städte, während ich im selben Raum das Essen zubereitete und ihr 15-jähriger Sohn Computerspiele spielte. Ich war überrascht, wie natürlich sich die komplette Immersion in das Leben einer „fremden“ Familie anfühlte. Genau das ist das Ziel eines solchen Aufenthalts, waren sich Lisa und ich einig. Wochen später sitzen wir womöglich alle mit akutem Fernweh vor dem Laptop oder Fernseher: die Familie in Ezuz mit Dokus über Wien, und ich in Wien mit Fotos aus Ezuz, schon dabei, die nächste Reise zu planen. Der „klassische“ Tourismus kommt dabei nicht mehr ersthaft infrage. Nicht nur, weil ich für neun Tage Urlaub weniger als 500 Euro ausgab (davon 100 Euro für den Flug und fast 100 Euro für das Daten-Roaming, das in Israel extrem teuer ist). Aus meiner Sicht lernt man erst durch solche Erfahrungen einen Ort wirklich kennen. Und danach will man nur noch eines: zurückkehren.

Auf einen Blick

“Workaway” ist eine Plattform für freiwillige Arbeit. Freiwillige können weltweit nach Hosts suchen - oder umgekehrt. In Israel bieten bereits 118 Familien, Einzelpersonen, Hostels, Gemeinschaften oder Kibbutzim diese Möglichkeit. Im Schnitt werden 4-5 Arbeitsstunden am Tag verlangt, mit ein bis zwei freien Tagen pro Woche. Die Mindestaufenthaltsdauer beträgt in der Regel drei Wochen. (Bei Tess und Noel geht es bereits ab einer Woche). In Israel gibt es noch zahlreiche anderen Plattformen für Freiwillige, wie Kibbuz-Programm, Organic Farming (http://www.wwoof.org.il/) und Vieles mehr.

Offiziell verlangt Israel ein Freiwilligen-Visum, um in Israel freiwillig arbeiten zu dürfen. Auf Workaway gibt es allerdings keine Infos dazu und die Hosts verlangen nicht nach Dokumenten. Meistens reicht eine ausführliche E-Mail und die Beschreibungen der Erfahrungen und Skills, die man mitbringt. Manche anderen Plattformen haben ein langwieriges Registrierungsprozess mit Genehmigungen usw. Mit einer normalen Touristenvisa, die auch viele Freiwillige haben, darf man max. 3 Monate in Israel bleiben.

 

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