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Hüter der Wanderwege

(c) Marin Goleminov, Presse
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Wandern zählt zu den Lieblingssportarten der Österreicher. Um auf den Berg zu steigen, braucht es intakte Wanderwege und gut gesicherte Klettersteige. Diese Arbeit wird größtenteils von Freiwilligen erledigt – eine Spurensuche am Feuerkogel. (Von Annemarie Andre)

Die dunkelbraune Hündin Wanda sitzt im Kofferraum und streckt ihren Kopf nach vorn. Normalerweise sitzt sie auf dem Rücksitz, wenn Erwin Zeppetzauer mit dem Auto fährt. Heute sitzt da aber sein Freund Heli Loidl, gut gelaunt und mit Tiroler Jagdhut auf dem Kopf. „Am Vormittag soll das Wetter halten“, sagt Heli. Regen ist erst für den Nachmittag vorhergesagt. In wenigen Tagen wird der Winter einsetzen, davor wollen Zeppetzauer und Loidl noch alles erledigen. „Ein paar Bäume sind bei einem Sturm auf den Weg gefallen, die schneiden wir heute weg“, sagt Erwin.

Der 69-Jährige lenkt sein Auto an der Hütte vorbei auf eine Schotterstraße, die sich in Serpentinen den Berg hinaufschlängelt. Der Feuerkogel ist der Hausberg der Gemeinde Ebensee im Salzkammergut. Er ist mit seinen 1592 Metern und dem leicht ansteigenden Weg nicht zu beschwerlich zu gehen, ein beliebtes Ausflugsziel. Die auf dem Wanderweg liegenden Bäume könnten für weniger Sportliche und Kinder aber eine Herausforderung werden.

Über Stock und Stein

Rund 53 Prozent der Österreicher gehen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marketagent zufolge gern wandern. Bei dieser wurden im Jahr 2015 rund 1000 Österreicher befragt. Nur das Schwimmen ist noch beliebter als das Wandern und liegt damit auf Platz eins der Lieblingssportarten.  Neben dem Bergsteigen schätzen viele Österreicher den „Einkehrschwung“ bei der Hütte – welche Arbeit die Wanderwege verursachen, ist jedoch oft unbekannt.

Dem Verband alpiner Vereine zufolge werden in Österreich rund 60.000 Kilometer Wege und Steige von den Mitgliedsorganisationen gewartet. 26.000 Kilometer Wege werden vom Österreichischen Alpenverein gepflegt. Die Donau, der zweitlängste Fluss Europas, müsste neun Mal verlängert werden, um dieser Kilometeranzahl zu entsprechen. Der Österreichische Touristenklub betreut weitere 19.000 Kilometer Wege, die Naturfreunde ein Wegenetz von 15.000 Kilometern.


 
Ohne Freiwilligenarbeit wäre ein Wegenetz wie dieses nicht zu erhalten. Allein der Alpenverein gibt jährlich rund eine Million Euro für die Instandhaltung der Wege aus. Finanziert wird diese Summe aus Zuschüssen der öffentlichen Hand, Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Kooperationen mit Unternehmenspartnern. Die 45.000 geleisteten Stunden der Freiwilligen pro Jahr würden diesen Rahmen sprengen. Sie arbeiten umsonst, weil sie die Nähe zur Natur schätzen und die Bergwelt erhalten wollen. Dass Wege überhaupt instandgehalten werden und begehbar sein müssen, ist im Gesetz festgeschrieben.
 
§ 33 des Forstgesetzes aus dem Jahre 1975 regelt die Wegefreiheit im Wald. Dieser besagt, dass „jedermann den Wald zu Erholungszwecken betreten und sich darin aufhalten darf“. Die Erhaltung der Wanderwege ist in einigen Bundesländern durch ein eigenes Wegefreiheitsgesetz geregelt. In Oberösterreich, wo Erwin und Heli freiwillig tätig sind, regelt das Tourismusgesetz die Instandhaltung der Wege. Dem Tourismusverband der Gemeinde obliegt die Aufgabe, die Wege zu erhalten, und er darf diese nur sperren, wenn eine Gefahr für den Wegebenutzer besteht. Angestellte, die Wege warten, können sich nur touristische Gemeinden mit einer hohen Nächtigungsquote leisten.

Älterer Herr beim Instandhalten von Wanderwegen
Der Freiwillige Heli beim Instandhalten der Wege am FeuerkogelAnnemarie Andre


Erwin und Heli sind beim Wegeverein der Gemeinde, den Erwin vor 20 Jahren gegründet hat und der finanziell von der Gemeinde unterstützt wird. 30 Jahre lang war der 69-Jährige Naturfreunde-Obmann. Wie er das geworden ist? Der damalige Bürgermeister von Ebensee rief ihn an und teilte ihm mit, dass er bei den Naturfreunden noch einen Obmann-Stellvertreter suche. „Ich habe mir gedacht: ‚Na gut, schau ich mir das halt mal an‘, und dann bin ich geblieben und Obmann geworden“, sagt Erwin, während er sein Auto neben dem neuen Skilift und einigen Schneekanonen parkt. Diese wurden schon getestet, deshalb sind kleine Schneeteppiche zu entdecken, die im Sonnenlicht langsam wegschmelzen.

„Wir gehen jetzt hinunter zur Raststation, auf diesem Weg sollte ein Baum liegen“, sagt Erwin. Heli hat mittlerweile seinen Jagdhut gegen einen Helm ausgewechselt. Für das Fällen der Bäume ist er verantwortlich. Sein Vater war Holzknecht, mit ihm war er oft gemeinsam im Wald. Erwin hat seine Spitzhacke dabei – damit befördert er Baumstämme zur Seite. Heli ist schon beim ersten umgefallenen Baum, weiter hinten folgt Erwin mit Hündin Wanda. Der Labrador läuft aufgeregt nach vorn zu Heli und wieder zurück. So schnell geht es für Erwin nicht mehr. Gesundheitlich geht es ihm, wie er sagt, zwar gut, aber eine künstliche Hüfte und ein künstliches Knie trägt er dennoch bei 200 freiwilligen Stunden im Jahr mit sich herum.

Heli sägt den ersten Baumstamm um
Der erste Baumstamm fälltAnnemarie Andre

Die Motorsäge heult auf, der erste Stamm fällt auf den Weg. „Der Schneedruck im Winter ist so groß, da wäre der Baum sowieso bis herunter gedrückt worden“, erklärt Erwin. Mit seiner Spitzhacke geht er los und befördert den gefällten Baumstamm die Böschung hinunter. Alle zwei bis drei Wochen geht Erwin oder einer der anderen Wegemacher die Strecke ab. Jeder Weg ist einem Verein und innerhalb des Vereins bestimmten Personen zugeteilt. Bäume, die bereits auf dem Weg liegen oder umgeknickt sind und umzufallen drohen, werden von den Wegemachern beseitigt.

Manchmal kommt es vor, dass Wanderer beim Wegeverein anrufen und Bescheid geben, wenn ein Baum zu räumen ist. Die Freiwilligen kümmern sich auch um die Grünfläche bei den Badeseen und die Sauberkeit der Ortszentren. Gemeinsam kommen die acht Wegemacher auf rund 1000 freiwillige Stunden im Jahr. Alle alpinen Vereine dokumentieren, welche Arbeit sie verrichtet haben und wie lang das gedauert hat. Darüber wird die Gemeinde informiert.

Heli hilft Erwin oft bei den Instandhaltungsarbeiten. Die beiden kennen sich bereits seit fast 40 Jahren. „Ohne Freundschaften geht’s nicht“, sagt Erwin und schultert seinen Rucksack erneut, „das Wichtigste für mich beim Verein war immer, dass ich mit allen gut ausgekommen bin.“

„Wir sind lauter Ältere“

So wie Erwin und Heli geht es mehreren Hundert Wegewarten in Österreich. Das Durchschnittsalter der Wegereferenten liegt im Alpenverein und bei den Naturfreunden bei über 50 Jahren. Viele der Freiwilligen wollen in der Pension eine sinnvolle Tätigkeit ausüben und verbinden das mit einem Hobby in der Natur. Es gibt nur wenige Wegereferentinnen; bei den Naturfreunden sind von den 142 Zuständigen nur zehn Frauen. Zu den Freiwilligen, die immer wieder mithelfen, zählen in den Organisationen auch junge Leute und Berufstätige. Gerade um die Jungen bemühen sich sowohl Alpenvereins- als auch Naturfreundejugend. Unklar ist nämlich, wer in Zukunft die Freiwilligenarbeit macht.
 
„Ich frage mich, wie das mit dem Wegemachen weitergeht, wir sind lauter Ältere“, sagt auch Erwin. Bei seinen Kindern sieht er, wie sich das Berufsleben verändert hat und dass die Zeit rar wird. „Früher haben in den Betrieben in der Gegend die Leute auch unter der Dienstzeit telefonieren können“, merkt Erwin an, „das geht heute nicht mehr, das Berufsleben wird immer stressiger.“
 
Früher gab es in Ebensee und Umgebung einige Firmen, die meisten davon sind nun geschlossen oder abgewandert. Berufstätige müssen eine Stunde oder mehr pendeln, um zur Arbeit zu kommen. Dass da die Lust an der Freiwilligenarbeit verloren geht, sei nur verständlich, meint Erwin.
 
Die beiden Freiwilligen lassen sich auf die Bank bei der „Hohen Rast“ fallen. Das Material für die Bank mussten sie zuerst mit dem Auto zum höher gelegenen Skilift bringen und dann nach unten transportieren. Trotzdem immer noch besser, als Holz und Werkzeugkoffer auf den Berg hinaufzutragen.

Aussicht vom Feuerkogel
Aussicht vom FeuerkogelAnnemarie Andre

Heli bleibt nicht lang sitzen, er holt das Gipfelbuch aus der Metallkassette, damit sich die beiden eintragen können. „Wir müssen noch dazuschreiben, dass wir das Holz weggeräumt haben“, sagt Erwin. Bevor es weitergeht, füllt Heli bei seiner Motorsäge Benzin nach. Sie diskutieren, wie viele Bäume weiter unten zu räumen sind. Erwin kontrolliert das mithilfe der Bildergalerie seines Smartphones nach. Er wisse mindestens noch von zwei weiteren Stellen.

Auswirkungen des Klimawandels

„Der Sturm und der Schneedruck haben uns in den letzten Jahren Hunderte Bäume umgehauen“, sagt Heli. „Dafür sind wir vom Hochwasser und den Niederschlägen verschont worden“, merkt Erwin an. Einmal habe es in kürzester Zeit so viel Regen gegeben, dass der komplette Weg ruiniert gewesen und sogar ein kleiner Bach vom Berg heruntergeronnen sei. Am Klimawandel zweifelt hier niemand. Auch der Alpenverein bemerkt, dass die Gewalt von Unwettern in den vergangenen Jahren steigt. Vermurungen, Wegabrisse und Verlegungen durch Lawinen sind nur einige der Folgen. In solchen Fällen greift der Katastrophenfonds der Organisation. Nur für den Karnischen Kamm in Osttirol belief sich die Schadenssumme auf mehr als 100.000 Euro.
 
Wenn Arbeiten von den Vereinen nicht zu bewerkstelligen sind, können sie einen Antrag auf Unterstützung beim Bundesheer stellen. „Unterstützen kann das Bundesheer, wenn es einen wehrpolitischen Wert daraus ziehen kann oder es zu Ausbildungszwecken nützlich ist“, sagt Michael Bauer, Sprecher des Verteidigungsministeriums. Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer müssen einem solchen Eingreifen aber zustimmen, damit Unternehmen nicht benachteiligt werden. Die Kosten übernimmt der Antragsteller.

Die zwei Freiwilligen beim Instand halten der Wanderwege
Hund Wanda wird wieder zurückgeschicktAnnemarie Andre

Erwins und Helis Weg führt sie über Wurzeln und Blätter weiter nach unten. Durch das feuchte Laub rutscht man leichter aus als sonst. Das Laubgebläse hat Erwin heute nicht dabei. Auch das Laub wegzublasen zählt er zu seinen Arbeiten, damit Wanderer einen besseren Weg haben und weniger darauf achten müssen, wo sie hinsteigen. Im Sommer stutzen sie die Sträucher, da diese sich sonst über den ganzen Weg ranken würden. Das meiste zu tun ist aber jedes Jahr im Frühjahr: „Der Schneedruck und der Winter ruinieren viel“, sagt Erwin, „Stufen sind hin, Leitern sind hin, bei der Hütte ist viel kaputt.“ Da müssen alle zusammenarbeiten.

Mittlerweile hat es zu tröpfeln begonnen, zwei Stunden sind die beiden bereits unterwegs. Besorgt blicken Erwin und Heli in Richtung Himmel. Einen Baum werden sie noch umschneiden und dann schauen, ob das Wetter hält. Das Ganze ist bereits perfekt einstudiert: Heli sägt den Baum ab, und Erwin bringt ihn mit der Spitzhacke zur Seite. Dass man sich untereinander versteht, ist für beide im Verein das Wichtigste.  Nur ein einziges Mal hätten sie im Verein jemanden gehabt, der nicht dazugepasst habe. „Der hat getan, wie er wollte“, sagt Erwin, und Heli nickt bestätigend. „Weil er vom Gipfel herunterschauen wollte, hat er einfach Fichten umgeschnitten, das geht nicht“, ergänzt Erwin.

Erwin beim Instandhalten der Wanderwege
Erwin befördert den Baumstamm mit der Spitzhacke zur SeiteAnnemarie Andre

Verlässlichkeit gehört für Erwin einfach dazu, denn die 50 Kilometer Wanderwege, die sein Wegeverein betreut, müssen regelmäßig gewartet und beschildert werden. Für die Freiwilligen kann das durchaus anstrengend werden, denn mit dem Signalkogel, Kalvarienberg und Sonnstein erklimmen sie insgesamt an die 70.000 Höhenmeter. Dieser Arbeit kann Erwin seit der Pension noch öfter nachgehen. Aber auch während seiner Tätigkeit als Hauptschullehrer hat er das Wegemachen geschätzt. „Natürlich merkst du von der ersten Klasse bis in die vierte Klasse Hauptschule, wer gescheiter geworden ist, aber halt nur langsam“, sagt Erwin. „Wenn ich heute eine Brücke mache, dann freue ich mich und sehe sofort das Ergebnis.“

In den 40 Jahren, die Erwin als Wegemacher tätig ist, hat es nur wenige negative Kommentare gegeben. Die meisten freuen sich, dass jemand die Wege erhält. Lediglich ein bis zwei Leute habe es gegeben, die über die natürliche Wegeerhaltung mit ihm diskutieren wollten und zu Erhaltungsmaßnahmen Kritik äußerten.
 
Zurück beim Auto packen Erwin und Heli die Motorsägen wieder ein. Heli tauscht seinen Helm gegen den Jagdhut, und Hündin Wanda wartet auf den Einstieg. Bis sich Heli weiter unten im Dorf verabschiedet, muss sie noch im Kofferraum mitfahren.

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