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Warum Pensionisten kranken Menschen Gesellschaft leisten

(c) Marin Goleminov, Presse
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Immer mehr Pensionisten leisten in Österreichs Pflegeheimen ehrenamtliche Besuchsdienste und spenden somit kranken Menschen Gesellschaft. (Von Heinz Raab)

Österreich wird immer älter. In den letzten Jahren erhöhte sich die durchschnittliche Lebenserwartung, während die Geburtenrate kontinuierlich sank. Die Überalterung bringt Probleme mit sich: Weniger Steuerzahler, jedoch mehr Pensionsbezieher. Weniger Personal im Pflegebereich, jedoch mehr pflegebedürftige Menschen. Momentan sind die Probleme noch zu bewältigen, da der Großteil der Babyboomer-Generation noch erwerbstätig und gesund ist. Jedoch stellt sich die Frage, wie die Situation zu lösen ist, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer das Alter von 70 Jahren überschreiten.

WKO

Die Wartelisten für Pflegeheimbetten werden innerhalb Österreichs alternder Bevölkerung immer länger. Die Zeit, die Familienmitglieder mit Pflegeheimbewohnern verbringen, jedoch nicht. Erfahrene Pflegekräfte schildern, dass seit Jahren sowohl die Häufigkeit als auch die Dauer von Angehörigenbesuche abnehmen.

Währenddessen wendet sich eine nicht mehr wegzudenkende Anzahl von Rentnern den Pflegeheimbewohnern zu. Aus Nächstenliebe, Freude, Zeitvertreib oder in der Hoffnung, selbst einmal besucht zu werden.

Natalie Ferch

In Österreich befinden sich insgesamt 918 Pflegeheime. Deren Bewohner sind in der Regel alt und zumeist auch chronisch krank. Nur die wenigsten sind gesundheitlich dazu in der Lage, eigenständig das Gebäude zu verlassen.

Ihre Zimmer erstrecken sich entlang weiter Flure auf mehreren Stockwerken. Die Einrichtungen können bis zu 3000 Bewohner umfassen. Angaben des Sozialministeriums zufolge leben bundesweit etwa 95.000 Menschen in Pflegeheimen.

Heinz Raab

Für Menschen, die ein Gebäude – oder sogar ihr eigenes Bett – nicht verlassen können, stellt der zwischenmenschliche Kontakt einen Höhepunkt in ihrem Tagesablauf dar. Einsamkeit spielt eine große Rolle.

Die Pflegekräfte in den Einrichtungen haben wenig Zeit für Ausflüge, Spiele oder längere Interaktionen. Ihr Arbeitstag ist bereits vollgepackt mit körperlich vereinnahmenden Tätigkeiten: Waschen, Austausch von Sonden und Kathetern, Mobilisieren, Lagern, Essensausgabe, Verpflegung.

Natalie Ferch

Wenn also Angehörige nicht zu Besuch kommen, sind Pflegeheimbewohner auf die Gesellschaft von Ehrenamtlichen angewiesen. Und viele davon sind Menschen im Ruhestand. Margarete Brummeier zählt zu ihnen.

Natalie Ferch

Zum Besuchsdienst kam die 70-Jährige durch ihre Mutter. Diese war Bewohnerin im Pflegeheim Haus der Barmherzigkeit in Wien Donaustadt. Bis sie dort starb. Doch auch nach dem Tod ihrer Mutter kam Brummeier weiterhin in das Pflegeheim. Nicht mehr, um ihre Mutter, sondern um andere kranke Menschen zu besuchen. Seit vier Jahren erscheint sie jeden Montag und verbringt etwa zwei Stunden mit einzelnen Bewohnern.

Brummeier ist eine von 41 Ehrenamtlichen im Haus der Barmherzigkeit Tokiostraße. Etwa die Hälfte davon sind Pensionisten, und sie werden von einem eigens für die Ehrenamtlichkeit geschaffenen Büro koordiniert. Die Freiwilligen unternehmen Ausflüge, veranstalten Tanzabende oder unterstützen die Bewohner beim wöchentlichen Bingo-Abend.

Natalie Ferch

Pensionisten sind besonders wichtig für das Ehrenamt, weil es bei ihnen durch den Ruhestand eine gewisse Kontinuität geben kann und sie genügend Zeit haben, um Leute regelmäßig zu besuchen.

2016 berechnete das Sozialministerium, dass ungefähr 400.000 Österreicher freiwillig Besuche bei betreuungsbedürftigen Personen tätigen. Davon sind etwa 70 Prozent weiblich und circa die Hälfte Menschen im Ruhestand. Diese Zahlen basieren nicht auf einem Vereinsregister, sondern auf einer großangelegten Umfrage zum Freiwilligenengagement, bei der die Stichprobengröße von 9000 Befragten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurde.

Natalie Ferch

Einrichtungen finden Ehrenamtliche in der Regel über Inserate und Mundpropaganda. Therapeutische, medizinische oder pflegerische Vorkenntnisse sind für die ehrenamtliche Tätigkeit nicht erforderlich. Fortbildungen und übergeordnete Koordinationsstellen dienen als Unterstützung für die Freiwilligen.

Organisationen wie die Caritas oder Freiwillig für Wien bieten Plattformen an und vernetzen Freiwillige, Vereine und soziale Einrichtungen.

Heinz Raab

Oft bauen Pflegeheimbewohner eine enge Beziehung zu den Ehrenamtlichen auf. Sie sind besonders auf die Freiwilligen angewiesen, wenn sie keine Angehörigen mehr haben oder diese nicht mehr zu Besuch erscheinen.

So erledigt Brummeier zum Beispiel auch die Einkäufe von gewissen Medikamenten und Lieblingsnaschereien für eine Bewohnerin.

Dieselbe Bewohnerin braucht auch ihre Besucherin, damit sie ihre Strickfehler ausbessert. Nur so kann sie ihr Hobby weiter ausführen. Brummeier erklärt: „Wenn sie einen Fehler macht, legt sie ihre Strickarbeit zur Seite und beginnt mit einem neuen Wollknäuel, und das macht sie so lang, bis ich komme. Ich verbessere ihre Fehler, und sie kann dann die ganze Woche beruhigt weiterstricken.“

Natalie Ferch

Für die Ehrenamtlichen sind die Besuchsdienste von hoher mentaler Belastung. Das steht außer Frage. Nichtsdestotrotz finden sie in ihrer Arbeit Erfüllung und Hoffnung. Margarete Brummeier erzählt: „Ich freue mich, leide aber auch mit.“ Ihre Hauptmotivation ist es, ihre freie Zeit in der Pension sinnvoll zu nützen, indem sie kranken Menschen Freude schenkt und gleichzeitig Dankbarkeit zurückbekommt.

Seit 2013 arbeitet Brummeier schon als Ehrenamtliche und wünscht sich, das auch noch so lang zu machen, wie es ihr eigener Gesundheitszustand zulässt.

Auf die Frage, ob sie selbst mit den Gedanken spiele, einmal in einem Pflegeheim zu leben und besucht zu werden, sagt sie mit einer Mischung aus Zuversichtlichkeit und Entschlossenheit: „Ich bin jederzeit bereit.“

Natalie Ferch

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