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Lüthi: "Den Kirchenschlaf stören, wo es nur geht!"

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Nachruf: Der Schweizer Kurt Lüthi (1923-2010) war ein großer Theologe des Dialogs und der Befreiung.

Kurt Lüthi erblickte am Reformationstag 1923 im Kanton Bern das Licht und die Dunkelheit der Welt. In der „Reformation“ sah er seine Lebensaufgabe: Reformation von Kirche und Gesellschaft. Er habilitierte sich 1959 mit einer Arbeit über „Gott und das Böse“. Nach Jahren der praktischen Seelsorge wurde er 1964 Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Gemeinsam mit Wilhelm Dantine, Ferdinand Klostermann und Otto Mauer gründete er den „Ökumenischen Arbeitskreis“. Ökumene war ein Herzstück seines Lebens. Er sprach von der „Fröhlichen Konkurrenz der Konfessionen“.

Über die Verweigerung des Dialogs mit Andersgläubigen sagte er 1980: „Wahrheitsfindung ist nicht mehr möglich. Es entstehen Haltungen der bloßen Macht- und Interessenvertretung. Intellektuell entsteht eine Atmosphäre des Provinziellen, Eindimensionalen, ja der Verdummung.“

In einer Predigt zum katholischen Konzil sagte Kurt Lüthi 1965: „Johannes XXIII. wurde gefragt, was er eigentlich mit dem Konzil wolle. Er habe darauf ein Fenster geöffnet und gesagt: ,Dies, frische Luft in der Kirche.‘ Ein gutes Programm für eine Kirche, in der oft Sauerstoffmangel herrscht! Frische Luft hineinlassen! Den Kirchenschlaf stören, wo es nur geht! Ökumene ist weithin Erneuerung der eigenen Kirche.“

 

Erniedrigung zur Propagandaformel

„Theologie als Dialog“ – das war sein Anliegen: Dialog mit Schriftstellern und Künstlern, Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen, Dialog mit den Human- und Sozialwissenschaften. Theologie ist eine dialogische Wissenschaft. Jeder Absolutheitsanspruch gehört auf den Zentralfriedhof. Lüthis These gibt zu denken: „Verkrüppelte und ideologische Sprache bewirkt verkrüppelte, vorurteilsverhaftete Menschen.“ Kurt Lüthi schätzte den Ausspruch des Schriftstellers Günter Eich: „Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was Sprache ist. Tut man es dennoch, so zerstört man seinen Namen und erniedrigt ihn zur Propagandaformel.“

Sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit, für die Befreiung aus entfremdenden Rollengefängnissen, für Feminismus, Sozialismus und Humanismus hat sich in vielen Büchern niedergeschlagen. Sein letztes umfangreiches Werk (2001: „Christliche Sexualethik“) ist ein Plädoyer für eine erotische Kultur der Sexualität. Es behandelt die Befreiung aus verklemmten sexuellen Moralvorstellungen. Lüthi war ein kreativer Wissenschaftler, ein bescheidener Professor, ein wacher Zeitgenosse. Sein kirchliches und gesellschaftliches Engagement lässt sich mit zwei Begriffen beschreiben: Dialog und Befreiung. Er war ein europäischer Befreiungstheologe. Ich bin ihm dankbar für viele Anregungen und die intensive Zusammenarbeit seit 1966. Wir bräuchten heute viele Kurt Lüthis – einen hatten wir. Und dafür bin ich, gemeinsam mit vielen anderen, sehr dankbar.

Der Theologe, Psychologe und Soziologe DDr. Alfred Kirchmayr lebt in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2010)