Ex-Bischöfin Margot Käßmann äußert sich im „Spiegel“ zu ihrem Rücktritt. Rom schweigt zu Mixa.
Ein Phänomen geht um in Deutschland, das man hierzulande nicht kennt: Rücktritt aus moralischen Überlegungen, bisher allerdings nur in evangelischen Breiten. Bundespräsident Horst Köhler legte Ende Mai sein Amt nieder, weil er es durch Angriffe aus den Reihen der Politik beschädigt sah. Diese Kritik entbehre jeder Rechtfertigung, meinte er protestantisch knapp: „Sie lässt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen. Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten – mit sofortiger Wirkung.“
Drei Monate zuvor war die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland mit einer ebenso lakonischen Erklärung aus dem Amt geschieden. Margot Käßmann war alkoholisiert mit dem Dienstauto gefahren und hatte dabei eine rote Ampel übersehen. Der Fall wurde publik, es gab eine heftige Medienkampagne, die die Bischöfin unverhältnismäßig empfand, aber sie könne es der „Kirche nicht zumuten, als oberste Repräsentantin so lächerlich gemacht zu werden“, gestand sie an diesem Montag dem Magazin „Der Spiegel“. Ihren raschen Rücktritt empfindet sie weiterhin als richtige Entscheidung. Christentum sei für sie „nicht zuallererst eine Frage von Moral, sondern von Verantwortung“. Und wenn man einen Fehler begangen habe, müsse man Verantwortung übernehmen, das sei eine protestantische Haltung, sagte sie den Reportern, die auch dem gnadenlosen Ruf des Journalismus gerecht wurden: „Welcher Mann saß am 20. Februar neben Ihnen im Auto?“, wurde Käßmann gefragt.
Auf Schuld folgt erst Buße, dann Vergebung, dozierte der „Spiegel“. Diese Abfolge hat der ehemalige Augsburger Bischof Walter Mixa nicht beherzigt. Er musste regelrecht aus dem Amt gedrängt werden und ist indes überraschend an den Bischofssitz zurückgekehrt, offenbar ohne Einsicht, selbst wenn ihn Käßmann ein wenig in Schutz nimmt (katholische Bischöfe können „nicht einfach wie ich zurücktreten“) und zugleich Rom angreift („Die Würde des Kindes ist wichtiger als der Schutz der Institution“).
Mixa wurde der Vorwurf von Prügelexzessen gegen Schutzbefohlene zum Verhängnis. Auch mutmaßlicher Alkoholmissbrauch war laut Dossier seiner engsten Mitarbeiter kein Einzelfall. Der Bischof soll sich zudem an junge Männer herangemacht und Stiftungsgelder für Waisenkinder für privaten Luxus umgeleitet haben. Ein seltsamer Kirchenfürst. Der Vatikan schweigt bisher zum Geheimdossier. Mixa solle das Bistum verlassen, fordert der Diözesanrat. Ist dieses Gremium gar protestantisch infiltriert, weil es einen geweihten Amtsträger anzweifelt?
Man sollte dazu vielleicht das Neue Testament befragen. „Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht händelsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen“, schreibt Paulus im Titusbrief. So steht es jedenfalls in der Lutherbibel.
Käßmann hat daraus die Konsequenzen gezogen. Mixa hingegen fehlt sogar eine anständige Bibelfestigkeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2010)