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Mariahilf

Rot-Grün im Streit um eine Straße

Gepflasterte Plätze, der Verkehr geregelt wie in Begegnungszonen – so könnten die Kreuzungsbereiche aussehen.
Gepflasterte Plätze, der Verkehr geregelt wie in Begegnungszonen – so könnten die Kreuzungsbereiche aussehen.Karo Pernegger
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In der Gumpendorfer Straße herrscht in Sachen Gestaltung Handlungsbedarf, da sind die Parteien einig. Nun preschen die Grünen mit ambitionierten Plänen vor – und ernten Unmut.

Wien. Die Gehsteige sind schmal – teils zu schmal, um etwa mit zwei Kinderwägen aneinander vorbei zu kommen, abschnittweise ist die Straße beiderseits verparkt, über abgefahrenen, teils holprigen Belag ziehen Autos in einem Tempo vorbei, dass man, nicht motorisiert, sicherheitshalber auf andere Straßen ausweicht. Zu sehen gibt es hier, zumindest im westlichen Teil, zum Gürtel hin, ohnehin nicht viel.

Die Gumpendorfer Straße ist eine Durchzugsstraße, Bezirkspolitiker nennen sie die „Lebensader von Mariahilf“ – wenn es um den Verkehr geht, geht es um Lebensqualität, Aufenthalt, Anrainer, dann eher nicht. Dass es besser geht, dass Handlungsbedarf besteht, da sind die Parteien im Bezirk (fast) einig. Was getan werden soll, da gehen die Meinungen aber auseinander – und auch beim Wie.

Am Mittwoch sind nun die Bezirks-Grünen, inklusive Planungssprecher Peter Kraus, einer der einflussreichsten Wiener Grünen, vorgeprescht, und haben ein bei TU-Verkehrsplaner Harald Frey in Auftrag gegebenes Konzept präsentiert: Dieses sieht vor, dass der Durchzugsverkehr minimiert, die tatsächliche Geschwindigkeit auf die (bereits vorgeschriebenen) 30 km/h, bzw. in Kreuzungsbereichen auf 20 km/h gedrosselt wird. Parkplätze sollen weichen, dafür Gehsteige breiter werden. Vorgesehen sind auch viel Grün (zur Abkühlung), bessere Querungsmöglichkeiten oder Kreuzungsbereiche, die beim Kurt-Pint-Platz bei der St. Ägyd Kirche und beim Fritz-Grünbaum-Platz beim Haus des Meeres zu Begegnungszonen werden. Frey plädiert auch für eine Einbahnregelung zwischen Stiegengasse und Kaunitzgasse, ausgenommen sein soll die Buslinie 57A.

Diese durchaus drastischen Eingriffe sieht Frey für an der Zeit, schließlich fällt sein Urteil über die „Gumpi“, wie er die Straße beim Kosenamen nennt, eher vernichtend aus: „Das ist ein Relikt der 1950er-/1960er-Jahren, das ist nicht zeitgemäß. Die Zahl der zugelassenen Pkw im Bezirk ist seit dem Jahr 2002 um rund 1500 Fahrzeuge zurückgegangen, der Bedarf an Stellflächen sinkt, wir haben allein dadurch enormes Potenzial. Wir müssen den Durchzugsverkehr vom unterrangigen Netz, von der Wohnbevölkerung weg ins höherrangige Netz bringen“, sagt Frey, und spricht Gürtel und Wienzeile als Alternativen für den Durchzugsverkehr an: Am Gürtel sinke das Verkehrsaufkommen laut Frey um 0,8 bis ein Prozent pro Jahr, also könne man den Verkehr aus Wohngegenden dorthin verlagern. Und, wenn schon umgeplant und investiert werde, „dann muss die Qualität passen, sonst ist das Geld verschwendet“, so Frey, der Kosten in Höhe von rund drei Mio. Euro schätzt. „Wir planen hier für 50, 60 Jahre, für eine Zeit, in der wir in Wien Temperaturen wie heute in Neapel haben“, sagt Frey.

 

Kritik an Alleingang

In Mariahilf – und darüber hinaus – sorgen diese Pläne und das Vorpreschen der Grünen für Kritik: Etwa bei der SPÖ, immerhin Seniorpartner der Grünen in der Stadtregierung, denn die hat eigene Pläne: Im Dezember hat die SPÖ, die mit Markus Rumelhart den Bezirksvorsteher stellt, Anträge vorgelegt, die ein Bürgerbeteiligungsverfahren und eine Verkehrs- und Potenzialanalyse vorsahen. Diese fanden im Bezirksparlament keine Mehrheit, auch die Grünen stimmten nicht zu. Das Thema wurde einer Kommission zugeteilt, die über die Straße diskutieren sollte. Über den Alleingang ist man in der in der SPÖ nun empört: „Hinter dem Rücken“ schmiedeten die Grünen Pläne. Kritik kommt auch von der ÖVP: Man begrüße eine Neugestaltung, aber: Die Pläne, „eine zentrale Verkehrsader zu kappen“ lehne man entschieden ab, so Verkehrssprecher Manfred Juraczka. Auch FPÖ und Neos kritisierten den Alleingang ohne Einbindung der Anwohner. Eine Attraktivierung der Straße haben aber auch die Neos im Programm für die Wien Wahl. Und damit wird die Gumpendorfer Straße wohl spätestens im Herbst zum Wahlkampfthema. Ein Grund, dass die Grünen vorpreschen?

Bezirksvorsteher-Stellvertreter Michael Reichelt (Grüne) begründet den Zeitpunkt damit, dass man die Gunst der Stunde (Stichwort Klimadebatte) als „historische Chance“ nutzen wolle. Und räumt ein, dass man ganz am Anfang stehe. Bis gebaut wird, vergingen auch im Idealfall Jahre. „Ein schönes Projekt für die nächste Legislaturperiode“, sagt auch Kraus. (cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2020)