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Hitler im Bett des Hitlerjungen

Regisseur Taika Waititi als Jojos (li.) imaginärer Kumpel Hitler – am Tisch mit Jojos Mutter Rosie (Scarlett Johansson)
Regisseur Taika Waititi als Jojos (li.) imaginärer Kumpel Hitler – am Tisch mit Jojos Mutter Rosie (Scarlett Johansson)Disney
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Darf ein Film über die NS-Zeit köstlich amüsieren? Ja, bewies schon Benignis „Das Leben ist schön“. Auch in der US-Tragikomödie „Jojo Rabbit“ gelingt die Gratwanderung – mit einer humoristisch entfesselten Scarlett Johansson.

Roberto Benigni hat es vorgemacht. Als clownesker Vater Guido ließ er seinen Sohn in „Das Leben ist schön“ im Konzentrationslager erfolgreich glauben, er sei in einem Spiel, bei dem man einen Panzer gewinnen kann. Benignis Kunst und Feingefühl bewiesen, dass man in einem Film über die Judenverfolgung im Nationalsozialismus abwechselnd Tränen weinen und Tränen lachen kann – und dass Letzteres dem Film nichts an Menschlichkeit nehmen muss – sogar im Gegenteil.

Ein wenig erinnert Rosie, die Mutter der Hauptfigur im Film „Jojo Rabbit“, an diesen Guido: Scarlett Johansson spielt eine alleinerziehende Mutter, die das Hitler-Regime ablehnt und ein jüdisches Mädchen in ihrem Haus versteckt. Beides wohlgemerkt ohne Wissen ihres zehnjährigen Sohnes und Hitler-Fans Jojo.

 

Country Music, Monty-Python-Hitler

„Drei, zwei, eins, Hakenkreuz!“, tönt es gleich zu Beginn, bei ins Lächerliche gezogenen Waldspielen der Hitlerjugend. Realismus ist hier demonstrativ nebensächlich, auch historischer. Im Rhythmus von Country Music jagt eine satirische Miniszene die andere, überhaupt erinnert die Lager-Atmosphäre mehr an heutige amerikanische Jugendcamps als an das letzte Kriegsjahr in Deutschland. Ob die Kids bereit seien zu töten, schreien die Führer in die Runde; „Ich liebe das Töten“, versichert Jojo, sie nehmen ihn beim Wort: Er soll einem Hasen den Hals umdrehen. Als er stattdessen den Hasen freilässt und fortrennt, ist sein Spitzname Jojo Rabbit geboren. Doch selbst als er bei Übungen mit einer Handgranate verletzt wird, schwärmt er weiter für den „Führer“.

Der tritt auch selbst auf, als imaginärer Kumpel und Ersatzvater, der auf Jojos Bett und sogar mit ihm und Mama am Tisch sitzt, Jojos Probleme mit ihm bespricht und konstruktive Lösungsvorschläge macht wie: „das Haus abfackeln und Churchill beschuldigen!“ Auch dank ihm entwickelt Jojo einen Plan, wie er die – anfangs von ihm wenig geschätzte – Anwesenheit eines jüdischen Mädchens nutzen könnte: Er will dank ihren Informationen die „ganze Wahrheit“ über die Juden in einen Bestseller verpacken.

Der Regisseur und Drehbuchautor des Films, der Neuseeländer Taika Waititi, spielt diesen Hitler, als wäre er einem Monty-Python-Sketch entsprungen. Waititi ist für erfolgreiche Filmkomödien, zuletzt auch für die Hollywood-Großproduktion „Thor 3: Tag der Entscheidung“ bekannt. Bei der Geschichte von „Jojo Rabbit“ ließ er sich vom 2004 erschienenen Roman „Caging Skies“ der belgisch-neuseeländischen Autorin Christine Leunens inspirieren. Doch erst er wendete die Geschichte ins Satirische.

 

Romanvorlage spielt in Ottakring

Der Roman hingegen, der nicht in Deutschland spielt, sondern in Wien-Ottakring, konzentriert sich auf die Beziehung des Buben zum jüdischen Mädchen, das er im Haus seiner Eltern entdeckt hat. Leunens schildert, wie obsessive Liebe einen Menschen dazu bringt, das Objekt seiner Liebe zu isolieren, zu zerstören.

„Jojo Rabbit“ entgiftet diese Beziehung etwas, interessiert sich mehr für die sich entwickelnde Freundschaft zwischen dem Zehnjährigen und dem in eine winzige Kammer gepferchten, fünf Jahre älteren Teenager Elsa – und dafür, wie diese Freundschaft Jojos Vorstellungen über die ihm bisher persönlich unbekannten Juden ins Wanken bringt. Der grausame Egoismus des Verliebten spielt aber auch hier eine Rolle. Jojo lässt Elsa durch selbst geschriebene Briefe glauben, dass ihr Verlobter Nathan sich von ihr trennen will. Und als der Krieg vorbei ist, geht seine Angst, sie zu verlieren, zunächst so weit, dass er ihr erzählt, die Deutschen hätten gewonnen.

Ein schauspielerisch starkes Paar sind die jugendlichen Darsteller Roman Griffin Davies (als Jojo) und Thomasin McKenzie (Elsa). Die gemeinsamen Szenen berühren, nie aber fehlt darin der Witz. Das Gleiche gilt für die Mutter-Sohn-Beziehung.

„Das Leben ist schön“ führte bis in ein Konzentrationslager; „Jojo Rabbit“ führt in das Leben eines jahrelang wie ein Tier im Käfig eingesperrten Mädchens – und eines Buben, der am Schluss den wichtigsten Menschen in seinem Leben am Galgen hängen sieht. Und zwar so, dass einem das Lachen nur kurz vergeht. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob so viel Trost legitim ist in Filmen über den Holocaust. Doch wenn er es nicht ist, muss man fast alle Spielfilme über den Nationalsozialismus verwerfen. Sie operieren mindestens mit Rührung, lassen in irgendeiner Form Menschlichkeit und Liebe dem Grauen trotzen. „Jojo Rabbit“ tut dort, wo er die Zuschauer zum Lachen bringt, nichts anderes.

 

Auch Lachen ist Widerstand

Denn Lachen und Lebensfreude sind ein Teil des Widerstandes, den Jojos Mutter leistet – vor allem um ihres Sohns willen. Man müsse tanzen, um Gott zu zeigen, dass man für das Leben dankbar sei, lehrt sie ihn. Und man glaubt es ihr, weil Scarlett Johansson als Rosie diese Haltung im wahrsten Sinn des Wortes verkörpert. Auch das ist Heroismus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2020)