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Frankreich

Courchevel: Dezent dekadent

Rekordresort. Courchevel ist Teil des riesenhaften Skigebiets Les Trois Vallées.
Rekordresort. Courchevel ist Teil des riesenhaften Skigebiets Les Trois Vallées.(c) David Andre
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Was bedeutet Luxus beim Skifahren? Endlose Pisten, kaum Warteschlangen, erfahrene Lehrer, viel Platz im Hotel, gute Weinkarten auf der Skihütte und bitte ein Aman-Hotel. Vor allem aber: Hilfe mit den Skischuhen. Dekadent? Ja, aber dezent dekadent.

Woran erkennt man die besten und legendärsten Skigebiete der Welt? Unter anderem an der Anzahl und am Alter ihrer Skilehrer. Wie im österreichischen Lech gibt es im französischen Courchevel viele grauhaarige, ältere Skilehrer, die besonders gefragt sind. Das ist ein Merkmal dieser besonderen Wintersportorte, dass hier selbst erfahrene Skifahrer einen Lehrer engagieren. Ja, das ist eine Frage des Geldes, aber ebenso der Haltung. Es gibt schließlich immer etwas zu verbessern. Vielleicht fahren in Courchevel die meisten Skifahrer deswegen die Spur besser als in anderen Skigebieten.

Größer, aber stiller. Christophe Normand ist ein solcher Skilehrer, reagiert ebenfalls auf „Guide" oder „Instructor" und spricht ein melodiöses Englisch. Er schaut ein bisschen aus, als wäre Hans Hinterseer nicht marodierender Schlagersänger geworden, sondern in der Skischule geblieben, hätte all die Jahre auf den Pisten seiner Heimat und anderswo verbracht sowie viel nachgedacht. Normand ist nicht nur ein gewiefter Skilehrer und Navigator durch die Täler, sondern fachsimpelt gern über die jüngsten Pensionspläne von Emmanuel Macron und die regionalpolitischen Verhältnisse.

Zwischengang. Skigastronomisch setzt Frankreich nach wie vor eine Benchmark.
Zwischengang. Skigastronomisch setzt Frankreich nach wie vor eine Benchmark.(c) David Andre

Er kennt Österreich ebenso, war in mehreren Skigebieten unterwegs und wundert sich über eines: Wie gelingt es den Österreichern, eine solch laute und andauernde Après-Ski-Partykultur zu entwickeln, die Tausende Junge in die österreichischen Skigebiete treibt und so viel Umsatz bringt? Die Antwort gefällt ihm nicht wirklich – und doch wieder ein wenig: „Das will doch eigentlich keiner!" In Courchevel gibt es keine Hüttengaudi, keine Wodka-Feige, keine grölenden Massen und kaum Konservenmusik.

In Skischuhen tanzt man hier nicht.

In Courchevel ist zwar alles größer, aber sonderbarerweise auch stiller. Irgendwie bleiben die Franzosen und ihre Gäste auf der Piste oder im Hotel oder im Restaurant. In Skischuhen tanzt man hier nicht. Die Architektur ist übrigens beim ersten Besuch gewöhnungsbedürftig cool: 1970er-Industrie- und Appartement-Schick trifft Chalet-Romantik, das unterscheidet sich optisch radikal von allem, was der Tiroler/Salzburger/Steirer winterlich kennt.

Enorme Fünfsternedichte. Und noch einen Unterschied erklärt Normand: In den französischen Alpen gibt es pro Kopf mehr Fünfsternehotels als in Manhattan oder Paris, viele werden von internationalen Luxusketten betrieben. In Österreich gibt es das (noch) nicht.

Die mit Sicherheit bemerkenswerteste Kette ist die Aman-Gruppe, die hier das Hotel Le Mélézin betreibt. Einst war das Haus wesentlich kleiner, der Gründer der Aman-Gruppe, Adrian Zecha, stieg in dem Familienbetrieb immer mit seiner Familie ab. Als die Eigentümer verkaufen wollten, übernahm Aman. Für diese Saison wurde zudem noch einmal der Spabereich generalüberholt. An dieser Stelle sei kurz das Phänomen Aman erklärt, oder besser: der Versuch unternommen, es zu erklären. Die Hotels der weltweiten Kette befinden sich am obersten Ende des Luxussegments, das erste Hotel Amanpuri wurde in Thailand auf Phuket vor mehr als 30  Jahren gegründet. Mittlerweile gibt es 34  Hotels in 20 Ländern. Es wird weiter expandiert, in den kommenden Jahren soll auch ein Projekt in Österreich hinzukommen, aber das ist inoffiziell und wird nicht bestätigt.

Aman-Style. Viel Holz, aber dezent eingesetzt: Eine Reverenz an das alpine Setting.
Aman-Style. Viel Holz, aber dezent eingesetzt: Eine Reverenz an das alpine Setting.(c) Daniel Herendi

Das Konzept der Amans ist einfach und klar: Luxus wird zeitgemäß interpretiert und gesteigert. Die Hotels werden nur in großartigen Lagen in passenden Orten errichtet, der Gast bekommt die zwei wichtigsten Ressourcen unserer Zeit garantiert: Zeit und Ruhe. Bedeutet vor allem: vergleichsweise wenige Zimmer. Die Gestaltung der Hotels übernehmen bekannte Architekten, die innen und außen die Einbettung in die natürliche Umgebung zum Ziel haben, fast alle Häuser werden innen mit einer deutlichen asiatischen Note gestaltet. Der Hype um die Luxushotels, in denen sich ganze Brigaden an Servicemitarbeitern still und leise um die Gäste kümmern, hat erstaunliche Züge angenommen: Hunderte Stammgäste haben – natürlich auch motiviert durch Treueprogramme – quasi ihren eigenen inoffiziellen Millionaires Club gegründet. Alle Hotels besucht zu haben lautet das wichtigste Ziel, Urlaubsdestinationen werden nicht nach dem Ort, sondern nach dem Vorhandensein eines Amans ausgesucht. Dass sich manche Fans T-Shirts drucken ließen, auf denen „Aman-Junkie" steht, sorgte in der Aman-­Zentrale in Singapur für Verwunderung. Man mag es gern dezent. Die Mitglieder dieser Hotelsekte lieben besonders eine dem Adventkalender entliehene Idee: Jeder Hotelgast (beziehungsweise pro Zimmer) bekommt jeden Abend ein kleines Geschenk, vom speziellen Badesalz über Schlüsselanhänger bis zum Jäckchen.

Ski-in, Ski-out. Das Aman Le Mélézin steht direkt neben der Piste.
Ski-in, Ski-out. Das Aman Le Mélézin steht direkt neben der Piste.(c) Daniel Herendi

Dass im Le Mélézin ein japanisches Restaurant (Nama) vorhanden ist, dessen Fischangebot den Vergleich mit Tokio nicht zu scheuen braucht, ist nur ein Hinweis, wie wichtig der Nippon-Stil für die Aman-Gruppe ist: In zwei Suiten warten Onsen-Bottiche auf der Terrasse, auf dass man die Skifahrer im heißen Wasser auf der Piste beobachten kann. Und ja, angeblich sind da immer Noch-Royals, Oligarchen und andere Stars auf der Piste. Aber in der Skiverkleidung erkennt die schließlich keiner.

Steiler Anflug. Und dann gibt es hier diesen berühmten Flughafen im Schnee und am Berg zugleich: Direkt an der Pralong-Piste auf über 2000 Metern verfügt der Altiport über die steilste Landepiste der Welt (18,5-Grad-Winkel rauf, 537 Meter kurz). Natürlich brauchen Piloten eine Sonderlizenz, natürlich wurde auch ein James Bond hier gedreht. Und ja, stimmt, Champagner, Rothschilds Bordeaux kann man hier bestellen und trinken. Und ja, im Nammos Courchevel 1850 wähnt man sich wie im Beach Club in St. Tropez. Nur angezogen. Wobei: Ein Spin-off dieses kulinarischen Winterwonderlands mit Kellnern in lustigen Landkostümen gibt es auch in Mykonos. Und unbedingt muss man Käsefondue essen gehen. Und angeblich gibt es auch irgendwo einen Club für die Jung-Russen.

Nippon-Stil. Heißt in Courchevel ein Bad im Onsen-Bottich auf der eigenen Terrasse.
Nippon-Stil. Heißt in Courchevel ein Bad im Onsen-Bottich auf der eigenen Terrasse.(c) Daniel Herendi

Skischuhanziehservice. Alles unnötiger Luxus? Darüber lässt sich streiten. Skiguide Normand nennt die 600 Kilometer Pisten der drei Täler, der Trois Vallées, als eigentliches Atout des Gebiets, Firlefanz braucht man da gar nicht. In manchen Strandhotels auf den Malediven gibt es eigene Sonnenbrillenputzer, die Gäste verblüffen sollen. Braucht kein Mensch. Im Le Mélézin gibt es zwei gut aussehende junge Herren, die einem bei einer der schwierigsten Skiübungen helfen: In die Skischuhe einsteigen und richtig festschnallen, sodass nur sie die Dinger abends wieder aufbekommen. So wird man als Aman-Gast wieder zum Kind. Was Normand nach der sechsten Abfahrt auch spielend hinbekommt.

Infos

Skifahren: Les Trois Vallées umfasst drei große Skigebiete und verbindet drei Täler: die Vallée de Courchevel, Vallée des Belleville und Vallée de Méribel. In Summe ergibt das ein lückenloses Netz an 180 Liften und 600  km. Man ist meist über der Baumgrenze unterwegs.
www.les3vallees.com

Wohnen: Aman Le Mélézin in Courchevel 1850. Elegant, mit asiatischer wie alpiner DNA. „Ski & Spa Privilege Pass", Paket für drei, vier oder sechs Nächte innerhalb bestimmter Wochen bis März, mit unbegrenztem Liftzugang in den Les Trois Vallées oder Spa-Paket mit täglich Yoga, Massage, Behandlung. aman.com/resorts/aman-le-melezin

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von Aman Resorts.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 24.01.2020)